Westfälisches Volksblatt vom 14. Februar 2005: 

Mit Schwert und Geflügelzucht / Von Karl Pickhardt

 Die Germanen an der Lippe waren vor gut 2000 Jahren keineswegs wilde Horden und lebten auch nicht im Urwald. „Sie liefen nicht im Bärenfell herum, sondern waren hoch kultivierte Menschen“ räumte am Wochenende der renommierte Archäologe Dr. Georg Eggenstein bei einem Vortrag in Bad Lippspringe mit weit verbreiteten Vorurteilen auf. Germanen verdienten einen besseren Ruf.   

Ein gut 2000 Jahre alter Knochen eines Hahns und eine nicht minder alte Ackerhacke aus Hirschgeweih, die beide in Bad Lippspringe gefunden wurden, liefern für den 38-jährigen Wissenschaftler nicht zum ersten Mal den Beweis dafür, dass Germanen in Westfalen ein hoch kultiviertes Volk waren. Der kleine unscheinbare Hahnknochen, der 1994 in der Burgstraße in Bad Lippspringe entdeckt wurde, ist Beleg für die erste Geflügelzucht in Westfalen etwa 100 Jahre vor Christi Geburt.

   Dr. Eggenstein von der Paderborner Siedlungsforschung bekräftigte am Samstagnachmittag bei einem Vortrag in der Kaiser-Karls-Trinkhalle auf Einladung des Bad Lippspringer Heimatvereins und der Arminiusforschung seine These, wonach die Römer bei ihrem Vorstoß nach Westfalen zur Zeitenwende bereits auf eine Kulturlandschaft gestoßen seien.  

Vier Jahre vor dem 2000. Jahrestag der Varus-Schlacht beleuchtet Eggenstein die Lebensweise der Germanen zur Zeit Christi Geburt und kommt zu dem Schluss, dass Germanen vor 2000 Jahren über materiellen und kulturellen Reichtum verfügten. Der Glaube, kultivierte Römer hätten unzivilisierte Germanen in Westfalen überfallen, die wiederum anschließend in wilden Horden die Römer zurückgeschlagen hätten und fortan in ihren Urwald zurückkehrten, sei eine Mär.  

Hochwertige Funde wie Knochenkämme mit dreieckiger Griffplatte, bronzene Haarnadeln, Bügelfibeln, Keramik, Perlen, Backöfen oder Spuren von 32 Meter langen Häusern aus germanischen Siedlungen im Saatental am westlichen Paderborner Stadtrand, in Anreppen und auch in Bad Lippspringe zeugten zusammen mit Germanensiedlungen wie in Bergkamen vom hohen Lebensstandard eines Volkes an den Ufern der Lippe schon vor der ersten römischen Besetzung wenige Jahre vor Christi Geburt. 

Römer und Germanen hätten sich hierzulande aber nicht nur als Feinde, sondern auch als Handelspartner gesehen. In Anreppen lebten kaum 100 Meter vom römischen Lager entfernt Menschen in germanischen Siedlungen: Zwischen Römern und Germanen sei ein lebhafter Handel und Warenaustausch getrieben worden. 

Auch nach der verheerenden römischen Niederlage in der Varus-Schlacht 9 nach Christi hätten die Römer in Germanen einen leistungsstarken Handelspartner gefunden, der das römische Kaiserreich mit Blei und Salz versorgt habe. Davon zeuge ein ausgiebiger Geldverkehr mit vielen hundert römischen Münzen, die in germanischen Häusern – auch in Anreppen – gefunden wurden.   

Der im Mai 2004 in Ostwestfalen-Lippe gegründete Verein Arminiusforschung, der den Ort der Varus-Schlacht in Kalkriese bei Osnabrück anzweifelt und Belege für einen Kampfplatz im Teutoburger Wald sucht, hat mit dem Heimatverein Bad Lippspringe erstmals einen Kooperationspartner gefunden.  

Die OWL-Vereinigung betreibt Geschichtsforschung vornehmlich aus germanischer Sicht, die nicht zuletzt wegen schlechter Quellenlage und NS-Ideologie in vergangenen Jahrzehnten vernachlässigt worden sei.