Wo
zum Teufel liegt der Teutoburger Wald?
Im
Jahre 9 nach Christus schlugen die Germanen unter Arminius die römischen
Legionen vernichtend. Der Ort der Varus-Katastrophe gilt seit Jahren als
gesichert. Jetzt kündigen einige Historiker eine neue Deutung an - eine Debatte
im klassischen Morast.
Von
Sven Felix Kellerhoff

Wahrscheinlich
fand die Varus-Schlacht bei Kalkriese statt - Lithografie von 1890 Foto: pa/akg
Eine
Schlammschlacht - und zwar im literarisch übertragenen wie auch im wörtlichen
Sinne: "Das ist der Teutoburger Wald, / Den Tacitus beschrieben, / Das ist
der klassische Morast, / Wo Varus stecken geblieben. / Hier schlug ihn der
Cheruskerfürst, / Der Hermann, der edle Recke; / Die deutsche Nationalität, /
Die siegte in diesem Drecke." So dichtete Heinrich Heine 1843 in
"Deutschland. Ein Wintermärchen".
Im
Herbst des Jahres 9 n. Chr. überraschten germanische Stammeskrieger unter Führung
des Arminius, eines ehemaligen Offiziers römischer Hilfstruppen, die römischen
Legionen des Varus und ihren Tross. Bei dem geschickt vorbereiteten Hinterhalt
starben mehr als 10 000 Legionäre. Der Geschichtsschreiber Tacitus nennt den
Ort des Geschehens "saltus teutoburgensis". 1672 wurde dieser künstliche
Begriff auf das Mittelgebirge Osning bei Detmold übertragen - weil man
seinerzeit vermutete, dort habe die Varusschlacht stattgefunden. Heute hat sich
die Ansicht von Theodor Mommsen durchgesetzt, der den Ort dieser Schlacht schon
Ende des 19. Jahrhunderts am Kalkrieser Berg bei Osnabrück gefunden zu haben
glaubte.
Eine
Schlammschlacht ist auch die neueste, vom "Spiegel" losgetretene
Debatte um die Niederlage des Varus. Da ist die Rede von einem
"Krisengipfel", zu dem sich Archäologen heute in Detmold treffen
wollen - doch in Wirklichkeit handelt es sich um einen seit langem angekündigten
Termin im Rahmen der Vortragsreihe "Römer und Germanen in
Nordwestdeutschland" des Lippischen Landesmuseums.
Im
"Spiegel" werden auch V-förmige Gräben zu "neuen
Bodenfunden", die angeblich Zweifel nährten, ob "Varus und seine
Legionen im Jahre 9 n. Chr. tatsächlich in Kalkriese nahe Osnabrück den Tod
fanden", wie das ein 2002 eröffnetes Museum seinen Besuchern vermittelt.
Doch die museumseigene Zeitschrift "Varus-Kurier" berichtete bereist
2004 über die Spitzgräben, ebenso die Ausgabe von 2005. "Sie sind nichts
Neues und werfen uns überhaupt nicht um", sagt die vor Ort leitende Archäologin
Susanne Wilbers-Rost. "V-förmige Gräben sind eine sehr effiziente
Grabenform, die es nicht nur bei den Römern gibt. Außerdem dürften bei der
Vorbereitung des Hinterhaltes Germanen beteiligt gewesen sein, die in römischen
Diensten gestanden und römische Kampf- und Schanztechniken kennengelernt
hatten."
Doch
offenbar gibt es wenig Interesse bei den Vorkämpfern der Schlammschlacht, sich
auf derartig klare Aussagen einzulassen. Jedes Argument scheint in Lippe, also
dem heute als "Teutoburger Wald" bekannten Gebiet
Nordrhein-Westfalens, recht zu sein, um Kalkriese als Ort der Varus-Schlacht
abzulehnen. Bei genauerer Betrachtung lösen sich aber die meisten
vermeintlichen Indizien rasch in Wohlgefallen auf.
So
argumentiert der Numismatiker Reinhard Wolters, die Datierung der Münzfunde in
Kalkriese sei irreführend. Eindeutig ist nur, dass dort keine jüngeren Kupfermünzen
als aus der Zeit bis 9 n. Chr. gefunden worden sind. Da die nächste Serie von römischem
Kleingeld im Jahre 10 n. Chr. geprägt worden sei, galt dieser Befund ("Münzspiegel")
als starkes Indiz für die Datierung der Kämpfe am Kalkrieser Berg. Doch
Wolters stellt diese Datierung in Frage und argumentiert, die nächste Münzserie
sei erst 12 oder sogar 14 n. Chr. geprägt worden und möglicherweise auch noch
verspätet in Umlauf gekommen - so dass nichts dagegen spräche, dass die
unbestreitbaren Kämpfe am Kalkrieser Berg während der römischen Rachefeldzüge
des Jahrs 16 n. Chr. stattgefunden hätten. Richtig ist daran, dass nach gegenwärtigem
Stand wohl nichts dagegen spricht - allerdings auch wenig dafür.
Außer
natürlich dem aus touristischen wie lokalpatriotischen Gründen
nachvollziehbaren Wunsch im Lipper Land, den Mythos Varusschlacht zum 2000.
Jubiläum im Jahr 2009 bei Detmold feiern zu können. Kürzlich erst hat
Wolfgang Lippek, wahrscheinlich eifrigster Kämpfer gegen die wissenschaftlichen
Ergebnisse der Grabungen in Kalkriese, den nordrhein-westfälischen Bauminister
Oliver Wittke aufgefordert, von staatlicher Seite den Stand der Forschung überprüfen
zu lassen. Doch außer grundsätzlichen Zweifeln und vagen Indizien stützt
nichts seine Eingabe.
Der
Hannoveraner Althistoriker Peter Kehne kündigte jetzt im Bielefelder
"Westfalen-Blatt" neue Erkenntnisse an: "Es gibt eindeutige,
bisher noch unveröffentlichte Belege, die beweisen, dass Kalkriese nicht Ort
der Varus-Schlacht gewesen sein kann." Er werde diese Belege rechtzeitig
vor den Jubiläumsfeierlichkeiten vorlegen. Warum er seine so überzeugenden
Belege nicht schon längst veröffentlicht hat, blieb jedoch offen.
Am
Freitag wird das Museum in Kalkriese die Befunde der Grabungskampagne 2006
vorstellen. Dabei dürfte es vor allem um archäologische Kärrnerarbeit gehen,
nicht um sensationelle Entdeckungen. Unwiderlegbare Beweise jedenfalls, dass die
Varus-Schlacht hier und nirgends sonst stattgefunden hat, werden Susanne
Wilbers-Rost und ihre Kollegen wohl nicht vorlegen können. Gerade dieser Mangel
aber macht ihre Interpretation, das zeigen die Erkenntnisse der noch recht
jungen Disziplin Archäologie antiker Schlachtfelder, um so wahrscheinlicher -
außer im Lipper Land. Die Schlammschlacht wird weitergehen. Mindestens bis
2009.
Artikel
erschienen am 15.11.2006