WDR 3/WDR 5, Zeitzeichen
Stichtag:
1. November 1989 - Beginn der Ausgrabungen in Kalkriese („Varusschlacht“)
Autor:
Wolfgang Landmesser
Musik
(03, 2.20):
The Battle aus dem Film „Gladiator“
Zitator
1:
Paterculus lateinisch
Zitator
2 (Übersetzung):
„Das Heer wurde von Wäldern, Sümpfen und Hinterhalten eingeschlossen und von
einem Feinde bis zur völligen Vernichtung niedergemetzelt... Der Heerführer
hatte mehr Mut zu sterben als zu kämpfen und tötete sich selbst, dem Beispiel
seines Vaters und Großvaters folgend.“
Autor:
Drastisch schildert der römische Schriftsteller Velleius Paterculus ein
Gemetzel in den germanischen Wäldern. Ort: irgendwo zwischen Weser und Ems.
Datum: 9 nach Christus. Der Heerführer: Publius Quintilius Varus, römischer
Statthalter in Germanien. Der Feind: ein Germanenheer unter dem Cheruskerfürsten
Arminius. Als Schlacht im Teutoburger Wald steht diese Niederlage in den
Geschichtsbüchern. Aber wo genau die drei römischen Legionen untergingen,
blieb über Jahrhunderte ein Rätsel. Gelehrte und Lokalpatrioten tüftelten
zahllose Theorien über den Ort der Schlacht aus.
Die
verbissene Suche nach dem Schlachtfeld bot auch Anlass zu Spott. In einem
satirischen Hörspiel des WDR aus dem Jahr 1957 kommt ein Andenkenverkäufer
namens Junkers vor Gericht, weil er am Hermannsdenkmal in Detmold gefälschte
Knochen aus der Schlacht verkauft hat.
O-Ton
Hörspiel:
Junkers:
Ich habe tatsächlich mit dem Verkauf der gefälschten Knochen nichts anderes
getan, als die Geschichtsschreiber - ich habe eine Legende unterstützt.
Richter:
Wollen Sie damit allen Ernstes behaupten, daß die Schlacht im Teutoburger
Wald...
Junkers:
Ich behaupte, dass die Schlacht im Teutoburger Wald niemals stattgefunden hat...
Wie erklären sie sich Herr Richter, daß im Laufe der Jahrhunderte auf diesem
angeblichen Schlachtfeld nichts gefunden wurde, was auf die Vernichtung von drei
Legionen schließen ließe? Keine Waffen, keine Ausrüstungsstücke und auch
keine Skelette?
Atmo:
Kelle auf Sand
Autor:
Im September 1989 beginnen Archäologen etwa 100 Kilometer nordwestlich des
Teutoburger Waldes, am Fuß des Kalkrieser Berges, mit Probegrabungen. Bereits
die ersten Schnitte erbringen römische Funde: ein Spielstein aus Glas, ein
Senklot und ein so genannter Lochbeitel. Der Zusammenhang bleibt zunächst
unklar. Dann hebt der Bagger einen 180 Meter langen und fünf Meter schmalen
Graben aus. Das bringt die Entscheidung weiterzumachen, erinnert sich Susanne
Wilbers-Rost, Ausgräberin der ersten Stunde.
O-Ton
Wilbers-Rost (29, 0.30):
Mittendrin kam in den ersten Tagen des Jahres 1990 die Gesichtsmaske aus dem
Boden, zunächst überhaupt nicht zu erkennen, ein Rostklumpen, dann zeigte
sich, was darin steckt, ein herausragendes Stück.
Autor:
Die eiserne Gesichtsmaske eines römischen Offiziers, einer der wenigen Funde
dieser Art, ist noch heute das Prunkstück der Ausgrabungen von Kalkriese. Doch
auch danach kommen jede Menge Reste römischer Militärausrüstung ans
Tageslicht: Spitzen der römischen Wurflanze pilum, Schnallen von
Schienenpanzern, Helmbuschhalter oder die Schuhnägel von Legionärssandalen.
Mit jedem Fund wird klarer: Hier waren die Römer in Kämpfe mit den Germanen
verwickelt.
Atmo
(50308140, take 98):
antike Schlacht
Entlang
des Berghangs können die Archäologen einen Wall nachweisen. Ihre
Interpretation: An dieser Stelle mussten die Römer in einen Hinterhalt geraten
sein. Vom Wall aus griffen die Germanen an. Auch zur anderen Seite konnten die römischen
Truppen nicht ausweichen, ein Moor verhinderte die Flucht. Eine ausweglose
Situation.
O-Ton
Wilbers-Rost (08, 0.40):
Die Römer hatten viel Gepäck zu schleppen, hatten schwierige Bodenverhältnisse,
haben sicherlich versucht gegen den Wall anzurennen, aber wenn man einmal davor
steht, dann merkt man, welchen Geländevorteil die Germanen zusätzlich durch
die Wallanlage bekommen haben.
Autor:
Aber ist mit Kalkriese wirklich der Ort der Varusschlacht gefunden? Schon im 19.
Jahrhundert hatte kein geringerer als der Althistoriker Theodor Mommsen das
Ereignis in der Gegend nordöstlich von Osnabrück vermutet. Mommsen stützte
sich auf römische Münzfunde. Aber weil militärische Gegenstände fehlten,
geriet seine Theorie wieder in Vergessenheit. Bis der britische Schatzgräber
Tony Clunn, als Soldat nach Deutschland versetzt, die Spuren wieder aufnimmt.
O-Ton
Clunn (05, 5.00):
Das Sondegerät ist nur ein Werkzeug, man hat ein großes Feld und muss die
Orientierung haben: Wo suche ich zuerst in diesem Feld, Teil von der Expertise:
Wo in dem Feld muss ich zuerst suchen.
Autor:
Mit einem Metalldetektor geht Major Clunn die Felder mit den früheren
Fundstellen ab. Dabei orientiert er sich auch am Verlauf einer alten Heerstraße.
Schon in den ersten Tagen holt er römische Denare aus dem Boden. Das ist noch
keine Sensation, aber motiviert zum Weitermachen.
O-Ton
Clunn (02, 1.25):
Das war nicht nur eine Hobby, das war eine Obsession, weil ich hatte so viel Glück
in die erste Funde, das gab mir so viel Adrenalin in was liegt hier in der Erde.
Autor:
In jeder freien Minute zieht Tony Clunn über die Felder. Unter dem vielen
Schrott, den er aus den Äckern buddelt, sind einmal auch drei Metallbrocken,
die er nicht weiter beachtet und - wie alle Funde - beim niedersächsischen
Landesarchäologe Wolfgang Schlüter abliefert.
O-Ton
Clunn (02, 6.00):
So das waren Schleuderbleie, das waren die Militaria und von dieser Zeit
Professor Schlüter hat gesagt: Wir haben Basis für archäologische Arbeit.
Autor:
Mit den Schleuderbleien - in der Hand geübter Soldaten waren das tödliche
Geschosse - beginnt das Abenteuer Kalkriese. Heute, genau 15 Jahre nach dem
ersten Spatenstich, halten die Wissenschaftler aus der Region die
Wahrscheinlichkeit für hoch, dass hier die Legionen des Varus untergingen.
O-Ton
Wiegels (6.20):
Ich würde sie bei gut 90 Prozent einschätzen...
Autor:...
sagt Rainer Wiegels, Professor für Alte Geschichte an der Universität Osnabrück.
Vor allem die zahlreichen Münzfunde sollen die These vom Ort der Varusschlacht
stützen: Eine Fülle von Kupfermünzen, so genannte Asse, sind mit dem Zeichen
des römischen Statthalters, eben jenes Varus, gestempelt; die in Kalkriese
gefundenen Silbermünzen, die Denare, sind identisch zusammengesetzt wie die Münzfunde
aus dem zeitgleich existierenden Römerlager im westfälischen Haltern.
O-Ton
Wiegels (05):
Spätere Münzen sind nicht gefunden worden - bei einem doch sehr großen
Bestand... obwohl Münzen danach geprägt worden sind - zwischen 9 und 15 n.
Chr.
Kalkriese
wurde zur Touristenattraktion: Am Ort des Gemetzels entstand ein archäologischer
Park: Entlang rostiger Stahlplatten können Besucher den Zug der Legionen
nachempfinden. Ein Abschnitt des angeblichen Germanenwalls wurde rekonstruiert.
Ein kleines Biotop markiert das Moor und damit den Engpass, den die Römer
passieren mussten.
Autor:
Und doch wurde die Kritik an Kalkriese als Ort der Schlacht gerade in den
letzten Monaten immer lauter.
Zitator
2:
„Che Guevara im Nebelland. Ein Großmuseum feiert Kalkriese als wahren Ort der
Varus-Schlacht. Nun zweifeln Archäologen daran.“
Autor:
... titelte der Spiegel im März und bemühte sich, die Kalkriese-Theorie
nachhaltig zu erschüttern. Tatsache ist: Auch renommierte Gelehrte - wie der Tübinger
Althistoriker Reinhard Wolters - sind keineswegs überzeugt, ob das Gelände bei
Osnabrück tatsächlich Ort der Varuskatastrophe ist.
O-Ton
Wolters:
Meine Einschätzung lautet im Moment 50 zu 50.
Autor:
Ausgerechnet
den Münzbeweis zweifelt Numismatiker Wolters an: Denn die Varus-Münzen waren
auch nach dem Untergang der Legionen noch im Umlauf. Die Nichtexistenz später
geprägter Münzen am Fundort Kalkriese beweise noch nicht, dass ausschließlich
9 nach Christus als Datum in Frage komme.
O-Ton
Wolters:
Meines Erachtens bleibt der Datierungsspielraum mindestens bis 13 n. Chr.
vielleicht auch bis 15 n. Chr. Die Münzen in den Jahren 12,13,14 n. Chr. geprägt
worden sind, wurden nicht in großem Umfang geprägt, und die Fundplätze, die
wir kennen datieren oft erst in die 20er, 30er Jahre dieses Jahrhunderts. Die Münzen
hatten von der Prägestätte viel mehr Zeit vor Ort zu kommen.
Autor:
Ähnlich wie Euro-Münzen aus Griechenland, Portugal oder Finnland, die erst
nach Monaten und Jahren in deutschen Portemonnaies landeten.
Daraus
folgt: Die Überreste der Kämpfe könnten auch aus einem späteren Feldzug
stammen. Denn der Untergang der Varuslegionen war nicht das Ende, sondern eher
der Auftakt einer ganzen Reihe schwerer kriegerischer Konflikte in den Weiten
Germaniens. So drang ab 14 nach Christus der römische Feldherr Germanicus in
die nicht römisch besetzten Gebiete nordöstlich des Rheins vor - mit einem
Heer von acht Legionen - die mächtigste Armee der damaligen Zeit. Und wieder
gerieten die römischen Truppen unter dem Legaten Caecina in eine prekäre
Situation.
Musik
(03, 5.50):
The Battle
Zitator
1 auf
lateinisch: Tacitus, Annalen I, 64
Zitator
2
(Übersetzung): „Schnell also überdachte Caecina seine Lage, und es dünkte
ihm das einzige möglich, daß er den Feind in den Wäldern zu halten suche, bis
die Verwundeten und was zur Bagage gehörte, vorweg wären. Denn zwischen Wäldern
und Morästen streckte sich eine Ebene, die nur eine schmale Front
gestattete.“
Autor:
In der detaillierten Beschreibung der Annalen des Tacitus sehen Althistoriker
wie Reinhard Wolters einen alternativen Ansatz zur Deutung der Funde von
Kalkriese: Die römischen Reste gehen auf Caecinas Truppen zurück und datieren
somit in das Jahr 15 nach Christus.
O-Ton
Wolters:
Wäre es nicht möglich, dass die literarischen Quellen ein sehr gutes Bild
liefern, das auch in Übereinstimmung zu bringen ist mit den geografischen
Gegebenheiten und Funden von Kalkriese. Konsequenz wäre, dass wir dann unsere
numismatische Datierung mit größeren Spielräumen versehen müssen.
Autor:
Dagegen passt das Gelände bei Osnabrück nicht recht zur Schilderung des
Schlachtgeschehens beim griechischen Geschichtsschreiber Cassius Dio.
Musik
(03, 8.10):
The Battle
Zitator
1
auf griechisch: Cassius Dio, Römische Geschichte.
Zitator
2
(Übersetzung): „Das Gebirge war nämlich reich an Schluchten und uneben, die
Bäume standen dicht und überhoch gewachsen... Gleichzeitig brachen noch
heftiger Regen und Sturm los und zersprengten sie noch mehr; [[KW: der Boden, um
die Wurzeln und unten um die Baumstämme herum schlüpfrig geworden, machten
jeden Schritt für sie zu einer Gefahr, und abbrechende und herabstürzende
Baumkronen schufen ein großes Durcheinander.]] Während sich die Römer in
einer derart verzweifelten Lage befanden, kreisten sie die Barbaren, die ja alle
Schleichwege kannten und unvermutet selbst aus den dichtesten Wäldern
hervorkamen, von allen Seiten ein.“
Autor:
Doch auf eine solch wortgenaue Interpretation der schriftlichen Quellen wollen
sich die Kalkriese-Befürworter nicht einlassen. Die drastische Beschreibung
deuten sie als eine Art Klischee in der römischen Geschichtsschreibung:
Germanien - das waren eben dunkle Wälder, Sümpfe, Dauerregen.
Musik
(09, 3.30):
The Might of Rome aus dem Film „Gladiator“
Zitator
1
auf lateinisch: Tacitus, Annalen
Zitator
2
(Übersetzung): „Mitten auf dem Felde lagen bleichende Knochen, zerstreut oder
in Haufen, je nachdem sie von Flüchtigen oder von einer noch Widerstand
leistenden Truppe stammten. Daneben lagen zerbrochene Waffen und Pferdegerippe,
an Baumstämmen waren Schädel befestigt... So bestattete das römische Heer,
das jetzt da war, sechs Jahre nach der Niederlage die Gebeine der drei
Legionen.“
Autor:
... schreibt der römische Schriftsteller Tacitus im Ersten Buch seiner Annalen.
Nicht
nur Reste von Rüstungen, Helmen und Schwertern kamen bei den Ausgrabungen in
Kalkriese ans Licht. Geschützt von einem Plastikzelt untersuchen die Archäologen
gerade die letzten Reste einer Knochengrube, die sie im letzten Jahr entdeckten
- mit einem interessanten Befund, so Grabungsleiterin Susanne Wilbers-Rost.
O-Ton
Wilbers-Rost (03, 0.30):
Die Knochen wurden zum Teil systematisch reingelegt, hat manchmal das Gefühl,
dass Teile säuberlich auf andere Knochen deponiert worden sind, wie gebettet,
gerade bei Schädelteilen, gehen davon aus, dass man versucht hat, pietätvoll
diese Knochen zu bestatten. Germanen hätten wahrscheinlich Knochen einfach
hineingeworfen.
Autor:
Reste von Männern im Alter zwischen 30 und 35. Größe: zwischen 1,63 Meter und
1,71 Meter. Keine weiblichen Knochen.
Bestatteten
hier die Soldaten des Germanicus die kümmerlichen Reste ihrer gefallenen
Kameraden, so wie es Tacitus schildert? Die Ausgräber von Kalkriese jedenfalls
deuten es so. Doch auch die Knochengruben können Kritiker nicht überzeugen.
Zumal Anthropologen anhand der Knochenreste nach 2000 Jahren in der Erde nur ein
paar dutzend Individuen eindeutig nachweisen konnten.]] Noch sind viele Fragen
offen.
Zitator
2:
Welcher Teil der Schlacht, die sich über mehrere Tage hinzog, spielte sich am
Kalkrieser Berg ab? Wo ist das Lager, das die Legionen aufschlugen und von dem
die Quellen berichten? Wie gerieten eher ungewöhnliche Funde wie eine
Haarnadel, Teile von einem Bettgestell, von einem Grill oder Möbelbeschläge
zwischen all die Rüstungs- und Waffenreste?
Autor:
Das Kalkrieser Grabungsteam arbeitet derzeit an einer ausführliche
Dokumentation. Bislang wurden nur die Münzfunde detailliert offengelegt.
Und
die Grabungen gehen weiter. Immer wieder waren die Archäologen überrascht, was
das Schlachtfeld an Funden zu bieten hatte. Es gibt also durchaus Hoffnung, in
den nächsten Jahren einen Beweis zu finden, dass hier tatsächlich die
verlorenen Legionen des Varus kämpften. Aus dem Kalkrieser Moor muss ja nicht
gleich einer der Legionsadler auftauchen. Rainer Wiegels jedenfalls hofft auf
weitere Details der Ausrüstung:
O-Ton
Wiegels (08, 1.15):
Nicht abwegig, dass man mal einen Legionsnamen dort findet, wenn es die 17, 18,
19 wäre, wäre man ein Stückchen weiter.
Autor:
Das Rätsel Kalkriese bleibt also vorerst ungelöst. Ein alternatives
Schlachtfeld ist jedenfalls noch nicht entdeckt. Auch wenn einige
Lokalhistoriker nach wie vor mit dem Raum Detmold liebäugeln, wo das
Hermannsdenkmal steht. Die einzigen Funde dort sind bis dato allerdings rein
satirischer Herkunft.
O-Ton
Hörspiel
Junkers: Jahrelang habe ich Nachforschungen angestellt. Vor kurzem waren meine Bemühungen von Erfolg gekrönt... Originalknochen vom Schlachtfeld! Wertvolle Ausgrabungen... Souvenirs d’Armin! Einmalige Gelegenheit...
Kommentar: Haben wir in Nordrheinwestfalen - Lippe sowenig Themen, dass wir dem historischen "Mainstream" folgend, einen so unbedeutenden Tag - 15. Jahrestag der Kalkrieser Ausgrabungen - einen ausführlichen Beitrag leisten mussten? Viel wichtiger wäre es, die zweifelhafte "Kalkriese These" erst einmal auf ihre Belastbarkeit hin zu überprüfen.