Varus-Schlacht: Neuer Streit um den Ort

Lager Anreppen versorgte Soldaten mit Proviant

Von Dietmar K e m p e r

D e l b r ü c k (WB). Im Vorfeld der 2000 Jahrfeier der Varus-Schlacht 2009 suchen Archäologen gezielt nach Spuren der Römer in Ostwestfalen-Lippe. Speziell von Ausgrabungen in Delbrück (Kreis Paderborn) erhoffen sie sich Aufschlüsse über Strategie, Infrastruktur und Truppenbewegungen bei der Invasion der antiken Weltmacht noch Germanien zwischen 12 vor und 16 noch Christus.

Daniel Berenger von der Außenstelle - Bielefeld des Westfälischen Museums für Archäologie sagte gestern dem WESTFALEN-BLATT: »Tiberius, der Adoptivsohn von Kaiser Augustus, hat das Lager in Anreppen im Herbst des Jahres 4 nach Christus angelegt. Es hatte Bestand bis zur Varus-Schlacht und war für die gesamte Logistik in Germanien wichtig.« In dem Umschlagplatz für Waren sei der Proviant für die Soldaten gelagert worden. Bei den Grabungen wurden unter anderem 2 Gürtelschnallen gefunden.

Die westfälischen Archäologen untersuchen zur Zeit eine weitere Stelle intensiv. Den Standort behielt Berenger für sich, um nicht Schatzsucher mit Metallsonden aufzuscheuchen. Eine Geschichte in der aktuellen Ausgabe des Nachrichtenmagazins »Spiegel« schreckte dagegen die Fachwelt auf.

Demnach habe es die eine große Entscheidungsschlacht gar nicht gegeben, weder in Kalkriese bei Osnabrück noch im Teutoburger Wald. Hermann habe Varus und die römischen Truppen in einem langwierigen Kleinkrieg zermürbt, aufgerieben und dabei für etwa 50.000 Tote unter Herman den Eindringlingen gesorgt. Tenor des Artikels: Genauso wie das Hermanns-Denkmal erwecke das Museum in Kalkriese einen falschen Eindruck.

Der Geschäftsführer des Museums und Parks Kalkriese reagierte gestern »sehr gelassen« auf den Bericht. »Die absolute Mehrheit der deutschen Archäologen verortet die Varus-Schlacht in Kalkriese«, sagte Christian Jaletzke dieser Zeitung und verwies auf Wissenschaftler wie Sigmar von Schnurbein von der Römisch-Germanischen Kommission in Frankfurt. Mehr als 6000 Funde wie Knochen, Münzen und Ausrüstungsfunde an vielen Stellen hätten eine »dicke, wissenschaftlich fundierte Indizienkette« ergeben. Jaletzke: »Wir sind uns zu 90 Prozent sicher, hier die Varus-Schlacht gefunden zu haben.« Die Behauptung vom Guerilla-Krieg sei richtig, Germanien habe sich als »Vietnam Roms« herausgestellt.

Trotzdem könne man die Kämpfe in Kalkriese nicht nur als eine Schlacht unter vielen abtun: »Es war der absolute Hauptkampfplatz. Mit der Varus-Schlacht endeten nicht alle Okkupationsbemühungen, aber sie war der Anfang vom Ende.« So habe Kaiser Claudius die Sinnlosigkeit eingesehen und sich von Germanien ab- und England zugewandt. Nach 17 nach Christus habe es keine Eroberungsversuche mehr gegeben.

Der Vorsitzende des Naturwissenschaftlich-Historischen Vereins Lage, Wolfgang Lippek, lehnt Kalkriese als Ort der 2000-Jahrfeier ab. Münzuntersuchungen legten den Schluss nahe, dass bei Osnabrück die Reste der Arminiusschlacht von 15 nach Christus gefunden wurden. Es sei zweifelhaft, so Lippek, »ob man in Kalkriese bezüglich des Ortes der Varusschlacht noch objektiv sein kann, da sie als direkt Betroffene und damit äußerst Befangene freiwillig wohl kaum den Ast, auf dem sie seit 1989 sitzen, absägen werden.«

Die Tatsache der Schlacht sei wichtiger als der genaue Ort, meint dagegen Archäologe Daniel Berenger. »Bis 2009 müssen wir uns auf einiges einstellen«, befürchtet er ein Anschwellen des Streits um die genaue Stelle. Rom sei damals mit der Schlacht ganz anders umgegangen: »Die Feststellung der Niederlage reichte; der Ort war egal, denn keiner wollte an den Schauplatz der Schmach.«

 Quelle: Westfalen-Blatt, 9.3.2004