Varus gibt neue Rätsel auf
Funde nähren Zweifel an Kalkriese als Stätte
der Römerschlacht
Ernst-Wilhelm Pape
Detmold/Osnabrück (WB). Neue Ausgrabungen
belegen nach Angaben von Historikern, dass die Varus-Schlacht im Jahre 9 nach
Christus nicht in Kalkriese bei Osnabrück in Niedersachsen stattgefunden hat.
In Kalkriese seien so genannte römische Spitzgräben entdeckt worden, die
eindeutig auf ein Lager der Römer und keinesfalls auf einen Hinterhalt der
Germanen hinwiesen, sagte Professor Dr. Peter Glüsing (70) dieser Zeitung. Glüsing
war bis zu seiner Pensionierung Akademischer Oberrat am Seminar für Ur- und Frühgeschichte
der Universität Münster.
Glüsings Aussage wird von Professor Dr. Reinhard Wolters gestützt. Auch Wolters, Professor für Alte Geschichte an der Universität Tübingen, ist der Überzeugung, dass die V-förmigen Gräben nicht von Germanen angelegt wurden.
Die Chefarchäologin der Ausgrabungsstätte Kalkriese, Susanne Wilbers-Rost meint hingegen, dass die Spitzgräben wie auch die gefundenen Wälle von germanischer Hand stammen. Diese Technik hätten die Germanen von den Römern gelernt. Wilbers-Rost: »Wir sind im Laufe der Zeit immer sicherer geworden, dass Kalkriese Schauplatz der Varus-Schlacht war.«
Glüsing zufolge ist das ein Irrglaube, der durch weitere Funde in den Gräben, wie zum Beispiel eine römische Pionieraxt, widerlegt werde. Auch die in Kalkriese entdeckten Wallanlagen seien von Römern und nicht von Germanen errichtet worden. Weitere Beweise seien Münzfunde, die die These vom Osnabrücker Land als Ort der Varus-Schlacht zu Fall brächten.
Glüsing kündigte ein Buch an, das rechtzeitig vor dem Jubiläum »2000 Jahre Varus-Schlacht« im Jahr 2009 erscheinen und eine neue Einordnung der legendären Niederlage der Römer in Germanien vornehmen werde. Glüsing: »Es muss endlich die Lügerei aufhören, dass der Cheruskerfürst Arminius (Hermann) die drei Legionen des römischen Statthalters Varus bei Osnabrück besiegt hat.« Es könne nicht hingenommen werden, dass im Jahr 2009 für 28 Millionen Euro ein Jubiläum an einem falschen Ort gefeiert werde.
Die Varus-Schlacht hat große historische
Bedeutung. Mit der Niederlage der Varus-Legionen scheiterten die Eroberung
Germaniens und seine Eingliederung in das römische Weltreich. Hermann der
Cherusker wurde zum Mythos, an den noch heute das Hermannsdenkmal in Detmold
erinnert. Die Schlacht, sagt Glüsing, habe zwischen Lippe und Paderborn
stattgefunden. Denn nur östlich von Minden und Bielefeld hätten Cherusker
gelebt.
Westfalen-Blatt vom 4.11.2006