Neue Zweifel an Kalkriese
Ort der Varus-Schlacht ungewiss - Funde nicht genau datierbar
Von Dietmar K e m p e r
Bielefeld (WB). Im Streit um den Ort der Varus-Schlacht 9 nach Christus ist gestern eine neue Runde eingeläutet worden. Sowohl der »Verein Arminiusforschung« als auch der Münsteraner Archäologe Stephan Berke bezeichneten die Festlegung auf Kalkriese als Schauplatz der Vernichtung der drei römischen Legionen als »wissenschaftlich nicht haltbar«.
Dagegen hatte der Wissenschaftliche Leiter des Projekts Kalkriese, Günther Moosbauer, noch am Freitag von einem »schlagenden Indizienbeweis« gesprochen und auf 5000 Funde in 15 Jahren verwiesen. Archäologe Berke und der Geschäftsführer des Vereins Arminiusforschung in Lage, Wolfgang Lippek, ziehen die
Datierung der entdeckten Münzen auf das Jahr 9 nach Christus in Zweifel. »Archäologische Funde lassen sich nicht auf ein Jahr genau bestimmen«, sagte Berke dieser Zeitung. An der Universität Münster hat er einen Lehrauftrag für provinzialrömische Archäologie. In der Zeit zwischen 2 und 14 nach Christus seien kaum Münzen .geprägt worden, die sich exakt einordnen ließen. Diese »zeitliche Unschärfe« erlaube keine punktgenaue Datierung.
»Kalkriese hat eine Arminiusschlacht, aber nicht die Varusschlacht«, betonte Wolfgang Lippek gestern in Bielefeld. In der Zeitschrift des Lippischen Heimatbundes und des Landesverbandes Lippe, »Heimatland Lippe«, argumentiert er, in Kalkriese bei Osnabrück habe Arminius 15 nach Christus gegen den Legaten Caecina gekämpft. Es sei überliefert, dass Germanicus, Statthalter Germaniens, seinen Heerführer Caecina losgeschickt habe, um zerstörte Brücken zu reparieren
und Soldaten nach Xanten zu bringen. Dabei sei es auf dem von den Römern üblicherweise genutzten Marschweg zu Kämpfen mit dem Cherusker Arminius gekommen. »In Kalkriese wurden Teile eines bekannten Römerweges aus
gegraben«, sagte Lippek.
Dass dort die Varus-Schlacht getobt habe, sei »nicht plausibel belegt«. Nicht zufällig habe der Erste Direktor der Römisch-Germanischen Kommission, Siegmar von Schnurbein, in der Zeitschrift »Archäologie in Deutschland« die Dokumentation der Kalkrieser Grabungsergebnisse außerhalb der Münzen angemahnt.
Während das Land Niedersachsen ab 2005 das Jubiläum »2000 Jahre Varusschlacht« mit einer eigenen Haushaltsstelle fördern will, verzichtet die Stadt Osnabrück »aus finanziellen Gründen« auf die geplante Germanen-Ausstellung. Deshalb wollen sich der Kreis und der Landesverband Lippe »darum bemühen, das Thema Germanen als größeren Schwerpunkt in das lippische Ausstellungsvorhaben mit aufzunehmen«. Bislang ist vorgesehen, dass
sich Lippe mit einer Ausstellung in Detmold über den »Mythos Varusschlacht« an den Jubiläumsfeierlichkeiten 2009 beteiligt.
Westfalen-Blatt vom 25.11.2004