Varus,
Va
Ein
2000-Jahr-Jubiläum rückt näher: 9 nach Christi Geburt besiegte der
Cherusker Arminius die römischen Besatzer: Die Landesmuseen planen eine Großausstellung.
Und Hobbyforscher suchen noch immer fieberhaft nach einem Schlachtfeld im
Teutoburger Wald.
Von
Andreas Fasel
Wenn
es um die Varusschlacht geht, ist Johann-Sebastian Kühlborn kurz angebunden.
„Ich kann's nicht mehr hören", sagt er hörbar genervt. Kühlborn ist
Leiter des provinzialrömischen Fachreferates des Landschaftsverbandes
Westfalen-Lippe und somit auch zuständig für Varus. Doch die wissenschaftliche
Vernunft hatte bei diesem Thema schon immer einen schweren Stand gegen
lokalpatriotische Gefühle, Unsachlichkeit und mitunter wahnhaften Eifer. Und
deswegen habe er, Johann-Sebastian Kühlborn, bereits bei seinem Amtsantritt im
Jahre 1978 erleichtert zu sich selbst gesagt: „Gott sei Dank, daß du im Jahr
2009 schon pensioniert bist."
Allerdings dringen die
Vorbeben des Jubiläumsereignisses „2000 Jahre Varusschlacht" auch bis zu
Kühlborn vor. Oder, um eine Formulierung des Lippe-Forschers Wilhelm Hansen zu
verwenden: Die „Fieberkurve der Arminiusbegeisterung" schlägt derzeit
wieder heftig aus.
Da sind zum einen die Pläne
der offiziellen Stellen: In wenigen Wochen wollen die Museen Kalkriese; Haltern
und Detmold ihr gemeinsames 2009-Großprojekt der Öffentlichkeit vorstellen:
Die drei Institutionen bereiten eine Ausstellung vor, die sich über mehrere
Standorte erstrecken und internationale Beachtung finden soll.
Aber das ist längst nicht
alles. Der Sieg des Cheruskers Arminius über die Legionen des römischen
Statthalters Publius Quinctilius Varus fasziniert noch immer ganze Heerscharen
von Laien und Privatforschern. Immerhin läutete dieses Ereignis das Ende einer
römischen Provinz Germanien ein. Angeheizt wird die Hysterie um die Schlacht
dadurch, daß nach wie vor nicht bewiesen ist, wo das Massaker an mehreren
zehntausend römischen Legionären stattfand. In Internetforen werden
verschiedenste Theorien diskutiert.
Kürzlich veröffentlichte
ein pensionierter Oberstudienrat ein 272 Seiten dickes Buch über die „Römer
an Lippe und Weser'` (S. NRW 5: „Rolf Bökemeier... "). Ein Architekt aus
dem Ruhrgebiet hat seine Mutmaßungen über die Positionierung der Römerlager
auf große Stellwände geheftet. Und die plazierte er frech im Garten des
Landesmuseums Detmold. Ein anderer Varusforscher grub vor wenigen Wochen mit dem
Bagger nach einem Grabhügel der Römer - eine Aktion, die der zuständige
Bodenkmalpfleger zwar genehmigte, aber lieber geheim gehalten hätte (Seite NRW
5: „Gerhard Tiggelkamp...").
Zu solchen immerhin um Wissenschaftlichkeit
bemühten Unternehmungen kommen noch kuriosere Versuche, Licht ins Dunkel der
Geschichte zu bringen: Ein westfälischer Wünschelrutengänger verschickt
Kartenmaterial, in dem er sämtliche Lokalitäten vom Geburtsort des Arminius
bis zum Sterbeplatz des Varus eingetragen hat. Und Rainer Friebe aus SachsenAnhalt
glaubt unbeirrbar an einen Übersetzungsfehler - und vertreibt in Buchform die
krude These, die Varusschlacht sei im Harz geschlagen worden.
Es gibt außer dem
bevorstehenden Jubiläum noch einen weiteren Grund, warum es unter
Varus-Forschern und -Begeisterten zugeht wie in einem aufgescheuchten
Bienenstock. Ende der 90er Jahre wurde in Niedersachsen, am Nordrand des
Wiehengebirges, das Museum Kalkriese eröffnet. Und dort wird plakativ und
werbewirksam die These verbreitet, Kalkriese bei Osnabrück sei definitiv der
Schauplatz der Varusschlacht - punktum!
Tatsächlich hat dort ein
britischer Hobby-Forscher im Jahr 1987 mit seiner Metallsonde römische Münzen
gefunden, die den Archäologen eine Spur zu einem großen Schlachtfeld wiesen.
Unzweifelhaft ist also, daß in Kalkriese vor rund 2000 Jahren Römer gegen
Germanen kämpften. Doch die Schlußfolgerung, daß dieser Kampfplatz der Ort
der Varusschlacht sei, wird inzwischen von namhaften Münz-Spezialisten in
Zweifel gezogen.
Sie vermuten, daß in
Kalkriese ein anderes Gefecht stattfand: nämlich das gegen die Legionen des
Feldherrn Caecina im Jahr 15 nach Christus, das ebenfalls in der römischen
Literatur beschrieben ist. „Wir werden alles tun, damit bis zum Festakt 2009
die Varus-These der Kalkrieser widerlegt sein wird", sagt Peter Kehne,
Historiker der Universität Hannover und einer der schärfsten
Kalkriese-Kritiker.
Wo aber war die zum deutschen
Nationalmythos verklärte Varusschlacht? Der westfälische Römerfachmann
Johann-Sebastian Kühlborn will sich mit dieser Frage gar nicht erst abgeben -
siehe oben. „Ich beschäftige
mich nicht mit Spekulationen", sagt Kühlborn, „sondern nur mit den Realien
aus dem Boden."
Und damit hat Kühlborn genug
zu tun. Zum Beispiel müssen die Funde aus den Römerlagern Oberaden und
Anreppen (Kreis Paderborn) ausgewertet werden. Immerhin hielt sich in Anreppen
mit großer Wahrscheinlichkeit Tiberius auf, Stiefsohn des Kaisers Augustus und
die damalige Nummer zwei des Römischen Reiches. Kühlborn erhofft sich nun
Aufschluß darüber, wie die Anfänge einer römischen Provinzialisierung
aussahen. Stützpunkte wurden angelegt, Märkte und kleine Städte entstanden.
Und weil die Römer diesen Prozeß in Germanien bereits nach 30 Jahren wieder
abbrachen; weil deshalb keine gemauerten Villen die hölzernen Lager überdecken,
ist diese Phase nirgendwo sonst so gut zu rekonstruieren wie hier. Warum also
nach der Varusschlacht suchen?
Auch die westfälisch-lippischen
Bodendenkmalpfleger Daniel Bérenger, Elke Treude und Michael Zelle antworten
auf die Frage nach dem Schlachtort mit einem Schulterzucken. „Die Frage bringt
der Wissenschaft nichts mehr”, sagen sie. „Seit gut hundert Jahren gibt es
in Westfalen die Römerforschung", erklärt Bérenger. „Aber von den
Germanen wissen wir immer noch so gut wie nichts, null." Deswegen wird
Michael Zelle nun Tausende Kisten mit germanischen Keramikfunden aus den Magazinen
nach Detmold bringen lassen Unzählige Doktorarbeiten seien zu vergeben, sagt
Zelle: „Wir müssen endlich auch den römischen Gegner erforschen."
Eines ist schon jetzt sicher:
Die Vorstellung, daß die Römer sich bei ihrem etwa 30 Jahre währenden Ausflug
nach Germanien in ihren Lagern verschanzten, um ab und zu hinauszumarschieren
und eine Schlacht gegen wilde Barbaren zu schlagen, ist völlig verkehrt. „Die
Beziehungen untereinander müssen vielfältig gewesen sein", sagt Zelle.
Als Indiz dafür nennt er ein Blei-Bergwerk in der Nähe von Brilon, das
vermutlich von den Römern benutzt wurde. „So eine Anlage kann man nicht
betreiben, wenn man sich in ständiger Angst vor Angriffen irgendwo
einigelt", sagt Zelle.
Es gibt also gute Gründe, daß
die behördlichen Bodendenkmalpfleger zurückhaltend bis allergisch reagieren,
wenn sie von den Hobbyforschern der Region immerzu auf das Problem Varusschlacht
angesprochen werden. Doch Iris Schäferjohann-Bursian vermutet noch andere
Zusammenhänge. Die freie Historikerin, die in Bad Lippspringe geboren ist,
lernte durch Zufall den Varus-Amateurforscher Rolf Bökemeier kennen - und fing
an, sich zu wundern, warum dessen akribische Arbeit von den Archäologen
schlichtweg ignoriert wird. „Und wenn man ihm die Erlaubnis zu graben
gab", sagt sie, „wurde alles unternommen, ihn zu blamieren.”
Auch glaubt Schäferjohann-Bursian,
daß ältere Hinweise auf römische Funde und Varusschlacht nicht konsequent
verfolgt worden seien. Sie mutmaßt, die nationalistische Vereinnahmung des
Hermann-Mythos habe nach dem Krieg zu einer Gegenreaktion geführt: Die Suche
nach den Resten dieses sagenumwobenen Gefechts sei quasi zum Tabu erklärt
worden.
In einem Aufsatz für die
Zeitschrift des „Lippischen Heimatbundes" fragte Iris Schäferjohann-Bursian
deswegen: „Was ist los in Lippe?" Wie könne es sein, daß in Kalkriese
mit einer wackligen Hypothese ein derartiger Wirbel um die Varusschlacht
veranstaltet werde? Und daß in Lippe offiziell so getan werde, als sei dieses
Ereignis, das die europäische Geschichte maßgeblich geprägt hat, nicht weiter
von Bedeutung. Die Antworten auf diesen Artikel kamen prompt - und heftig. Der
aggressive Ton dieser Schreiben zeige nur, daß sie ins Schwarze getroffen, sagt
sie.
Mittlerweile ist Iris Schäferjohann-Bursian
Geschäftsführerin des neu gegründeten Vereins Arminiusforschung e.V. Dessen
Aufgabe besteht darin, Spenden für Forschung einzutreiben, illegal ausgegrabene
Funde wieder aufzutreiben und zwischen den hitzköpfigen Protagonisten zu
vermitteln. „Unter den Varusforschern gibt es viele Naturwissenschaftler oder
Ingenieure. Deren Begabung kann doch der Archäologie nur nützen", sagt
Schäferjohann-Bursian. Und anders als viele Archäologen, die gern im Stillen
arbeiten, möchte sie „das Thema in den Medien in Konjunktur halten".
Warum, fragt sie, gibt es eigentlich noch keinen tollen Film darüber?
(Welt am Sonntag, Nr.
27, 3. Juli 2005, S. NRW 4)