Der
Oberbefehlshaber der Rheinarmee und seine Männer hatten für schriftliche
Ortsangaben leider keine Zeit - barbarische Horden hatten sie in einen
Hinterhalt gelockt, wo sie nun ums Überleben kämpften.
Am Ende der Metzelei war das Schlachtfeld übersäht mit Leichen römischer
Soldaten, Feldherr Publius Quinctilius Varus stürzte sich in sein Schwert -
wohl in der Hoffnung, niemand möge je genaueres über diese Schmach für das
Imperium erfahren.
Die Sieger aus dem hohen Norden unter ihrem Anführer Arminius indessen plünderten
lieber ihre toten Feinde aus, als sich darüber Gedanken zu machen, wie die
Nachwelt vom genauen Ort ihrer Heldentaten Kunde bekommen könne. Immerhin das
Datum (9 n. Chr.) ist bekannt und so wird 2009 also einem „historischen
Ereignis von europäischer Bedeutung“ gedacht: der Varusschlacht.
In der strukturschwachen Region zwischen Paderborn, Herford und Vechta freuen
sich die Veranstalter schon auf ein Großevent mit bis zu 50.0000 Besuchern,
stolz wurde jüngst verkündet, dass Kanzlerin Angela Merkel die
Schirmherrschaft übernommen hat. Alles könnte also in bester Ordnung sein, gäbe
es da nicht diese „Spannungsverhältnisse“.
Seit Jahrzehnten streiten Gelehrte, Heimatforscher und Lokalpolitiker über den
„richtigen“ Ort der Schlacht vor 2000 Jahren. Gekämpft wird um Prestige,
Touristen und nicht zuletzt ums Geld. „Lokalpatrioten“ aus dem Lipper Land
(Nordrhein-Westfalen) ringen mit jenen aus dem Osnabrücker Land (Niedersachsen)
um die Deutungshoheit; von Geschichtsklitterung und Verschwendung von
Steuermitteln ist die Rede.
Befreiungskampf oder gar Geburtsstunde Europas?
Viel
Bedeutungsschweres hat man über die Jahrhunderte dieser Schlacht aufgebürdet:
vom „Befreiungskampf der Germanen“ war ebenso die Rede wie vom „Urknall
der deutschen Geschichte“ und der „Geburtsstunde Europas“. Klar ist nur,
dass dort 10000 Soldaten abgeschlachtet wurden und sich die Römer wenig später
aus dem rechtsrheinischen Gebiet zurückzogen. Wegen der vielen Toten vermeidet
man übrigens tunlichst, von Feierlichkeiten oder gar Jubiläum zu sprechen.
Lange Zeit hielten die Westfalen Detmold für den Nabel der Varuswelt. Immerhin
hatte man dort 1875 das Hermanns-Denkmal (Luther hatte Arminius zum Hermann
eingedeutscht) errichtet, ganz im Sinne des Tacitus, der im Nachhinein berichtet
hatte, die Schlacht habe zwischen Lippe und Ems „keineswegs weit von dem
Waldberg des Teutoburgischen“ stattgefunden. Doch seit einigen Jahren müssen
sich die Lipper über Schilder rund um den etwa 70 Kilometer entfernten
Bramscher Stadtteil Kalkriese ärgern, wo ein Museum mit der „Varusschlacht im
Osnabrücker Land“ wirbt.
„Kalkriese muss den Alleinvertretungsanspruch ad acta legen“, fordert daher
der Vorsitzende des Vereins Arminiusforschung, der westfälische
CDU-Landtagabgeordnete Heinrich Kemper. „Kalkriese war sicher der Ort einer
Schlacht, aber nicht der aus dem Jahre 9“, sagt er.
Auch der Wirtschaftsprofessor Siegfried Schoppe hält die 6000 archäologischen
Fundstücke in Kalkriese nicht für ausreichend zum Nachweis der Schlacht. Hier
würden lediglich „Behauptungen“ aufgestellt. Dies könne man als Nicht-Archäologe
„mit Logik und Logistik“ durchaus erkennen. Hierauf lautete die Replik, der
Hobby-Historiker strebe vor allem nach Publizität.
Lange hatten sich auch Vertreter des Lippischen Landesmuseums in Detmold und des
Museums Kalkriese immer wieder beharkt, doch für das Erinnerungsjahr hat man
sich zu einer länderübergreifenden Kooperation zusammengeschlossen. Nun also
sprechen alle von einem „einzigartigen Vorhaben“ mit „Exponaten von
Weltgeltung“ an „drei Originalschauplätzen“. Das Museum in Haltern mit
seinen Römeranlagen darf sich dem Thema „Imperium“ widmen, die Detmolder können
sich wegen des Denkmals mit dem „Mythos“ beschäftigen und Kalkriese erhielt
den Zuschlag für das Thema „Konflikt“.
Frieden um des Geldes willen
Nicht wenige glauben nun, die Zusammenarbeit funktioniere nur deshalb so überraschend reibungslos, weil die öffentliche Hand ungern Steuermittel an Streithähne ausgibt. Der Etat umfasst immerhin 13Millionen Euro, die sich alle Beteiligten teilen müssen. Für Schoppe geht es dabei lediglich um einen „Wettbewerb, Tourismusströme umzuleiten“, der Professor spricht sogar vom „Missbrauch von Steuermitteln“.
Auch Arminius-Forscher
Kemper glaubt, hier würden vor allem "Römer-Touristen nach Kalkriese
gelockt", für Grabungen in Ostwestfalen sei dagegen kein Geld vorhanden.
Er findet, die Pläne für 2009 konzentrierten sich zu sehr auf Kalkriese. Elke
Treude vom Lippischen Landesmuseum weist all diese Vorwürfe zurück. Detmold
stehe mit der Rezeptionsgeschichte der Schlacht „keineswegs hinten an“.
Immerhin gehe es um allgemeine historisch-politische Bildung.
Wissenschaftler übrigens betonen gern, dass sie sich nicht an den Streitereien
von Heimatforschern beteiligen wollen. Der Althistoriker Rainer Wiegels von der
Uni Osnabrück sagt, das wahrscheinlichste sei, dass in „Kalkriese ein
Ereignis im Kontext der Varusschlacht stattfand“. Sicher ließe sich aber
schnell jemand finden, der darauf hinweist, dass Kalkriese direkt neben Osnabrück
liegt.
http://www.sueddeutsche.de/wissen/artikel/118/114004/