Streit um die Varus-Schlacht (Rheinische
Post vom 3.1.2007)
Aufstand im Lipperland: Fast 2000 Jahre nach dem Sieg der Germanen gegen die Römer
haben Heimatkundler das Kriegsbeil wieder ausgegraben. Sie wehren sich gegen den
Anspruch von Archäologen, die den Ort des Gemetzels in Kalkriese vermuten -
weit vom Lipper Hermannsdenkmal entfernt.
Detmold „Wir im Lippischen sind ja gutmütige Menschen“, sagt Heinrich Kemper. „Aber irgendwann läuft auch bei uns der Met über.“ Der 57-jährige Landwirt aus Lage vertritt als Landtagsabgeordneter seinen ostwestfälischen Wahlkreis im Düsseldorfer Landtag. Da ist er in der CDU-Fraktion Fachmann für nachwachsende Rohstoffe. In seiner Heimat aber steht er an vorderster Front im Kampf gegen alle, die behaupten, die Varus-Schlacht habe im niedersächsischen Kalkriese stattgefunden. Vor kurzem ist Kemper zum Vorsitzenden des Vereins „Arminiusforschung“ gewählt worden. Dessen Mitglieder haben sich zur Aufgabe gemacht, den „Alleinvertretungsanspruch“ (Kemper) der Nachbarn in Kalkriese zu brechen.
Seit ein britischer Hobby-Archäologe 1989 am
Kalkrieser Berg bei Osnabrück Überreste eines antiken Schlachtfelds fand,
glauben viele Archäologen, dass dort die Legionen des Varus ihr grausames Ende
fanden. 2002 errichteten die Niedersachsen sogar ein Museum, das die Grabungsfunde dokumentiert - sehr zum Ärgernis
vieler Menschen in Detmold und Umgebung, wo von einem Hügel herab das
Hermannsdenkmal ins Land grüßt. Dort sind immer noch viele Anwohner davon überzeugt, dass Arminius irgendwo im Teutoburger Wald seinen
Hinterhalt legte, möglicherweise sogar in der Nähe des Hermannsdenkmals.
Die seit Jahren schwelende Auseinandersetzung erreichte vor kurzem einen neuen Höhepunkt,
als Kempers Parteifreund Friedel Heuwinkel, Landrat des Kreises Lippe, den Geschäftsführer
der Gesellschaft „Varus-Schlacht im Osnabrücker Land“ aufforderte, Kalkriese nicht mehr als Ort der
Varus-Schlacht zu bezeichnen. Das Museum müsse sein Marketingkonzept ändern
und dürfe die Öffentlichkeit nicht weiter täuschen.
Mitglieder des Vereins „Arminiusforschung“ regten sogar eine
Unterschriftensammlung und eine Petition an den Landtag an. Zudem sollten die
Kalkrieser alle Schilder entfernen, die den Ort als Stätte der Varus-Schlacht auswiesen.
Kemper lässt offen, ob er diesem Begehren nachkommen will. Ganz wohl ist ihm
bei dem Streit offensichtlich nicht. Denn ein Zerwürfnis zwischen den Lipperländern
aus Nordrhein-Westfalen und den Osnabrückern aus Niedersachsen würde ein Projekt gefährden, von dem die gesamte Region profitieren soll.
Für 2009 planen die Museen in Haltern,
Kalkriese und Detmold zum 2000. Jahrestag der Varus-Schlacht ein großes Ausstellungsspektakel, zu dem eine halbe Million Besucher kommen und viel Geld
in der Region lassen sollen. Als große Attraktion soll dann ein nachgebautes Römerschiff die Lippe hinauf
segeln.
„Der Verein ,Arminiusforschung' will offensichtlich das Boot zum Kentern
bringen, in dem er selbst mitfährt“, sagt Heidrun Derks, Leiterin des Museums
in Kalkriese. Für sie steht fest: In der Nähe ihres Museums stürzte sich Varus vor 1998 Jahren nach der vernichtenden Niederlage ins eigene Schwert.
Dafür stehen 6000 Funde, die für sie eindeutig dokumentieren, dass dort vor
etwa 2000 Jahre ein gewaltiger Kampf zwischen Römern und Germanen tobte. Aber war es tatsächlich die Varusschlacht?
„Wohl kaum“, antwortet Hans Pohl (SPD, 67), ehemaliger Landrat des Kreises
Lippe und Mitstreiter von Kemper. Nach der Beschreibung des Tacitus liege der
Schlachtort zwischen Lippe und Ems. Das treffe aber auf Kalkriese nicht zu. Zudem sehen sich die Arminiusforscher durch neue Interpretationen von Münzfunden
bestätigt. Viele der gefundenen Denare wurden im Jahre 9 geprägt, keiner
danach. Bislang galt das als Indiz für eine Schlacht im selben Jahr. Heinrich
Kemper sieht das anders: „Es wäre äußerst unwahrscheinlich, wenn die Münzen
innerhalb so kurzer Zeit schon so weit verbreitet gewesen wären.“
Er nimmt an, dass die Funde in Kalkriese auf
eine Schlacht im Jahre 15 hindeuteten, als die Römer unter dem Feldherrn
Caecina einen Vergeltungsfeldzug in der Region starteten.
Zudem verweist Kemper auf V-förmige Spitzgräben längs eines etwa 400 Meter
langen Walls in Kalkriese. Dies sei eindeutig eine römische Technik.
„Stimmt“, erwidert Museumsleiterin Derks. Sie vermutet aber, dass der in der
römischen Legion geschulte Offizier Arminius die Gräben von seinen Leuten
anlegen ließ, die ebenfalls zum Teil als Hilfstruppen in römischen Diensten
standen.
Für sie markiert der Wall die Stelle, an der die Germanen die römischen
Truppen in die Enge trieben und abschlachteten. „Jedenfalls gibt es kein
anderes vergleichbares Schlachtfeld aus jener Zeit. Deshalb ist die
Wahrscheinlichkeit hoch, dass Kalkriese der Ort der Varus-Schlacht ist.“
Im Schatten des Hermannsdenkmals denken die „Arminiusforscher“ indes nicht
daran, vor solchen Argumenten die Waffen zu strecken. „Wir im Lipperland sind
zwar nicht stur“, sagt Kemper, „aber selbstbewusst sind wir schon.“
Wie die Germanen siegten Kalkriese/Detmold Was im Jahre 9 nach Christus geschah,
ist einigermaßen gesichert. Umstritten ist leliglich, wo das römische Heer
seine vernichtende Niederlage erlitt. Im Jahre 5 n. Ch. übernahm Publius
Quintilius Varus die Verwaltung Germaniens. Rom glaubte die Provinz weitgehend
befriedet. Streitigkeiten schlichten Nun sollte Varus vor allem auch
rechtsrheinisch römisches Steuerrecht durchsetzen und innergermanische Streitigkeiten schlichten. Dabei ging er offensichtlich nicht
allzu feinfühlig vor und brachte viele germanische Stämme, die zum Teil mit
den Römern verbündet waren, gegen sich auf.
In Varus' Gefolge war der Cheruskerfürst Arminius, der in der römischen Armee militärisch geschult worden war und vermutlich kurz zuvor mit seinen kampferprobten Germanischen Hilfstruppen an der Niederschlagung eines Aufstands auf dem Balkan teilgenommen hatte. Im Spätsommer des Jahres 9 war Varus mit der 17., 18. und 19. Legion auf dem Rückweg in sein Winterquartier am Rhein oder an der Lippe.
Da erreichte ihn nahe der Weser im Gebiet der Cherusker die Nachricht von einer Revolte. Varus entschloss sich zu einer Strafexpedition gegen die Aufständischen und tappte in eine Falle. Arminius, der sich kurz zuvor vom römischen Heer abgesetzt hatte, griff den rund 20000 Mann starken Tross mit einem Heer aus verschiedenen germanischen Stämmen in einem Gebiet an, das von Tacitus „Saltus Teutoburgiensis“ genannt wird.
Bei strömendem Regen und in unwegsamem Gelände wurden die römischen Truppen in mehreren, sich über drei Tage hinziehenden Gefechten niedergemacht. Nur wenige Soldaten entkamen. Varus beging Selbstmord, stürzte sich in sein Schwert. Nach missglückten Rachefeldzügen in den Jahren 14 bis 16 zogen sich die Römer schließlich an den Rhein zurück. Allerdings fiel ihnen dabei die Frau des Arminius in die Hände. Sie beschloss ihr Leben in römischer Gefangenschaft.
Ihr Ehemann wurde Opfer eines Mordkomplotts
seiner eigenen Verwandtschaft, nachdem die antirömische Koalition der Germanen
zerbrochen war. Symbol der nationalen Einheit Erst im 16. Jahrhundert wurde
Arminius als „Hermann“ zum Symbol der nationalen Einheit Deutschlands. Der
Bildhauer Ernst von Bandel begann 1838 mit dem Bau des Hermannsdenkmals, das
erst 1875 vollendet wurde.
Museen:
Die Funde am Kalkrieser Berg sind in einem Museum zu besichtigen: 49565
Bramsche-Kalkriese, Venner Straße 69. Geöffnet täglich von 10 bis 18 Uhr.
Montags Ruhetag. Tel.: 05468/92040.
Das Hermannsdenkmal ist von 9.30 Uhr bis 16.30 Uhr geöffnet.
Hermannsdenkmal, 32760 Detmold Tel. 0170 / 9512937.