Die Toten den Tieren zum Fraß

Kalkriese.
Finden, analysieren, Schlüsse ziehen, so beschreibt Dr. Susanne Wilbers-Rost, die leitende Archäologin der Varusschlacht gGmbH, ihre Arbeit. Seit den 80er Jahren versucht die Wissenschaftlerin, den Schleier des Geheimnisses über den Ereignissen des Jahres 9 nach Christus in den Sümpfen von Kalkriese zu lüften. Jeglicher Heldenkult liegt ihr fern.

Auf dem gut 30 Quadratkilometer großen Gelände zwischen Kalkriese und Venne gerieten ihrer Überzeugung nach vor bald 2000 Jahren die Legionen des römischen Feldherren Varus in einen Hinterhalt der Germanen unter ihrem Feldherren Arminius. Tausende Männer ließen ihr Leben. „Varus, redde legiones“. Varus, gib mir meine Legionen wieder. Dieser Spruch des Kaisers Augustus ist überliefert.

„Ein Geschehen von unvorstellbarer Brutalität“ muss sich am Kalkrieser Oberesch und in den umgebenden Gemarkungen abgespielt haben, vermutet die Archäologin.(...) Einige Monate in der freien Natur lassen manchmal kaum noch einen menschlichen Körper erkennen. Ähnlich muss es auf dem Schlachtfeld im Osnabrücker Land gewesen sein. Hier hat man mittlerweile acht verschieden große Knochengruben gefunden, in der größten befanden sich Überreste von 17 verschiedenen menschlichen Wesen. Aber keinesfalls komplette Skelette.

17-mal ein spezielles Teil eines Schädels. Das sind keine Massengräber, wie sie beispielsweise im Balkankrieg von Massakern und Menschenverachtung kündeten. Wilbers-Rosts Erklärung ist genauso grauenvoll wie naheliegend. Die Truppen des Arminius ließen ihre Gegner auf dem Schlachtfeld liegen, schutzlos dem Wetter und den wilden Tieren ausgeliefert. Erst rund zehn Jahre später startete der römische Feldherr Germanicus eine Expedition in den deutschen Norden, um die ausgebleichten Knochen der Opfer einzusammeln und ihnen in den besagten Knochengruben noch etwas wie Totenruhe zu schenken.

Für die Germanen war die gewonnene Schlacht eine willkommene Gelegenheit der Ressourcengewinnung, kurz Plünderung.(...)

„Wir wollen nicht Militaria sammeln, sondern Erkenntnisse gewinnen“, ordnet Wilbers-Rost denn auch den jüngsten Fund eines größeres Brustpanzerstücks in seinen historischen Zusammenhang ein. Solche Funde geben in der Gesamtschau mit noch vorhandenem Mauerwerk, Bodenbeschaffenheit und vielen anderen Kleinigkeiten und Hinweisen ein Gesamtbild, den sogenannten Befund.(...)

Die Geschichtsbücher berichten von vielen großen Schlachten des Altertums. Aber Issos und die Thermophylen sind nicht exakt lokalisierbar. Anders in Kalkriese, wo Wälle und Bauten das Geschehen eingrenzen. Dennoch ist auch für die Forscher der Varusschlacht der Zufall oft der beste Helfer.(...) Die berühmte Maske, das Symbol der Varusschlacht, wurde zufällig entdeckt, ebenso die Wallanlage. „Wenn man die Nadel hat, hat man bald auch den ganzen Heuhaufen“, bringt Wilbers-Rost es auf den Punkt.

Dann wird weiter gesucht, gegenläufige Interessen gilt es unter einen Hut zu bringen, wie zurzeit im Bereich Venne, wo unter einem projektierten Ferienpark noch Funde aus der Varusschlacht vermutet werden. „Vorsichtig begleiten“, heißt dann die Devise. Notgrabungen müssen die Münzen und Panzer vor den Belangen von Wirtschaft und Fremdenverkehr sichern. Das Puzzle Varusschlacht umfasst mittlerweile Tausende von Einzelteilen, in den Regalen warten weitere darauf, den Forschern ihre Geheimnisse zu verraten.

Und die Detmolder, die ebenfalls die Hermannsschlacht für sich beanspruchen wollen? „Da wollen sich nur ein paar Beamte wichtig machen.“ Auf einmal ist die nachdenkliche Wissenschaftlerin völlig kompromisslos.

http://www.neue-oz.de/information/noz_print/osnabruecker_land/19922596.html


 

Mit Pinsel und Pinzette auf Varus’ Spuren
Von Hildegard Wekenborg-Placke
Kalkriese.

Sarah Zwanzig braucht eine ruhige Hand und gute Augen. Zu ihrem Handwerkszeug gehören Pinzetten, Pinsel, ein Dremel mit winzigen Aufsätzen. Auf ihren Arbeitsplatz steht eine ganze Galerie Fläschchen – die Aufschriften erinnern an ein Chemielabor. Kunstharze, Härter und diverse Farben.

In großen Plastikkästen warten undefinierbare dunkle Brocken auf Bearbeitung, Schalen auf den ersten Blick voller Sand und seltsame „Gipsbrocken“. In ihrer Werkstatt im ersten Stock des verwinkelten Gebäudes im Museumspark Kalkriese geht die junge Frau mit dem markanten Namen einer seltenen Profession nach. Sie ist Restauratorin. In den Schüsseln und den Gipsformen verbergen sich möglicherweise ungeahnte archäologische Schätze.

Bis Münzen, Panzerteile, Schnallen und Beschläge Besuchern von der Vernichtung der Legionen des Publius Quintilius Varus durch Arminius’ Germanenheer künden können, haben viele Mitarbeiter des Museumsparks schon ihren Dienst im Dienste der Forschung geleistet. Akribisch werden die Äcker von Prospektionstechnikern abgesucht. Der Metalldetektor ist ihr bevorzugtes Werkzeug. Dann wird gegraben.(...)

In den Regalen der Kalkrieser Werkstatt lagert noch Arbeit für Jahre. Bei Grabungen im Sommer wird sicher wieder etliches dazukommen. Wenn die Maus aus der gleichnamigen Sendung am 27. Juli nach Kalkriese kommt, wird auch das große Stück eines Schienenpanzers zu bewundern sein, bei dessen Freilegung wir Sarah Zwanzig und Jan Deichsel über die Schulter schauten.

http://www.neue-oz.de/information/noz_print/osnabruecker_land/19922595.html