Die Varusschlacht nach Hause holen
Das Interview: Hans Pohl über Arminius und die Anstrengungen, mit Kalkriese gleichzuziehen.
VON
SVEN KOCH
„Varus,
gib mir meine Legionen wieder", soll Kaiser Augustus gerufen haben, als er
von deren Vernichtung in der Nähe des Teutoburger Waldes erfuhr.
"Kalkriese, wir wollen unseren Arminius wieder" lautet knapp 2000
Jahre später der Ruf aus der Gegend des "saltus teutoburgiensis" denn
bis auf das Hermannsdenkmal hat Lippe derzeit nicht viel, das es für das Jubiläum
der Varusschlacht in fünf Jahren in die Waagschale werfen kann. Was sich ändern
soll. Am Montag gründete sich der "Verein Arminius-Forschung", der
das Ruder rumreißen will. Mitinitiator Hans Pohl, Lippes früherer Landrat, ist
sich sicher: "Wenn uns das nicht gelingt, ist es mit Arminius, Varus und
Lippe endgültig vorbei."
? Sind
Sie mit der Resonanz auf die konstituierende Sitzung des Vereins zufrieden?
Pohl:
Ja. Es waren überraschend viele Teilnehmer da - mehr als 40 und weit mehr aus
dein restlichen Ostwestfalen als aus dem Kreis. Es geht uns zunächst darum, von
dem für Lippe vorgesehenen Motto "Mythos Varusschlacht" wegzukommen.
Die Themen sind zwischen dem Kreis, Landes- und Landschaftsverband sowie dem
Ministerium abgestimmt: 'Haltern bekommt zum Beispiel' "Römer" '
Kalkriese "Ort der Varusschlacht" und wir den "Mythos". Und
das suggeriert: Hier war eh nichts, in Kalkriese aber schon. Das geht so nicht.
Noch vor der Sommerpause soll die' endgültige Beschlussfassung über die Themen
erfolgen. Mit einem "Mythos Arminius“ könnten wir noch gerade so lebe
? Es
geht jetzt darum, mit Hochdruck und einer systematischen Auswertung von, Funden
und historischen Quellen endlich die Beweise für Kampfhandlungen vorzeigen zu können,
um die Schlacht von Kalkriese wieder "nach Hause" zu holen. Wird das
gelingen?
Pohl: Es wird schwer. Aber im 16. Jahrhundert schrieb zum Beispiel der Leiter der alten Lemgoer Lateinschule über die vielen Funde von Speeren und anderem. Es gibt weitere Quellen über erhebliche Münzfunde, die dann versteigert wurden und deren Spur sich verliert. Es scheint in Lippe so zu sein, dass über die Jahrhunderte jede Menge Relikte, die mit, den Kalkriesern gleichzusetzen sein dürften, entdeckt worden sind und im Privatbesitz verschwanden. In Kalkriese ist das nicht passiert. Unser Wunsch ist, das alles präsenter zu machen und es zu schaffen, die längst getätigten Funde aus Lippe neben die neuzeitlichen zu stellen.
? Es
gibt mehr als 700 Orte, an denen das Gemetzel stattgefunden haben soll, das ja
keine Schlacht im klassischen Sinn war, sondern sich über drei Tage mit
zahllosen Attacken und über eine größere Distanz erstreckte. Woran liegt es,
dass so viele Heimat-Forscher das Zentrum der Kämpfe meistens ` vor ihrer
eigenen Haustür suchen?
Pohl:
Eine große Schlacht, so wie man
sie sich mit einer enormen Truppenaufstellung vorstellt, gab es wohl nicht. Und
es deutet nichts auf ein bestimmtes Gebiet als Austragungsort' hin. Ich, bekam
gerade jetzt Anrufe, die besagten: ja, die Schlacht tobte in Barntrup., Ein
anderer wies auf Neues aus Bad Driburg hin. Zwei Berge "ein Tal, noch
irgendetwas im Namen mit "Teut"
reichen vielen, um sich den Ort der Varusschlacht vorzustellen. Aber es ist
erstaunlich, wie viele Menschen fasziniert sind und sich mit der Varusschlacht
akribisch und ernsthaft befassen.
? Für Rom war Germanien mit dem jahrelangen zermürbenden und verlustreichen Kampf in den Sümpfen und Wäldern so etwas wie ein antikes Vietnam. Auch im Irak hat es derzeit eine militärische Hightech-Macht schwer, Guerillakrieg und Terror etwas entgegenzusetzen, und muss sich mit einer Vielzahl kulturell völlig unterschiedlicher Volksgruppen befassen. Erleben wir Aspekte der Varusschlacht als Archetyp immer wieder irgendwo auf der Welt?
Pohl:
Ja, man kann das sicher so sehen und auch vergleichen. Die
Brukterer und Chatten waren sich spinnefeind und schlossen sich doch gegen Rom
unter der Regie Arminius' zusammen. Und ganz vorsichtig gesprochen: Die Sunniten
und Schiiten stehen im Irak, trotz aller Gegensätze auch einem gemeinsamen
Feind gegenüber. Es geht bei der Varusschlacht darum, dass, der Schwache gegen,
den Starken siegt...
? Gehört
die Varusschlacht in solche Dimensionen?
Pohl:
In jedem Fall. Arminius hat es gab in der Folge ja noch mehr Kämpfe - erreicht,
dass die Römer von Germanien die Nase voll hatten. Das Ganze fasziniert die
Menschen hier aber erst so richtig seit dem 15. Jahrhundert, weil vorher die
lateinischen Quellen nicht zu lesen waren. Und aus diesem Zeitraum gibt es auch
erste Glückwünsche an den lippischen Fürsten zu großen Funden. Wir vermuten
übrigens noch weitere Quellen im Kloster Corvey.
?
Arminius wird von der Forschung differenziert gesehen: Ein aus Germanien
stammender Fürstensohn, römischer Bürger, Ritter und Offizier will sich zum König
aufschwingen und schwört zu diesem Zweck die Stämme auf ein gigantisches Ziel
ein. Er täuschte Varus und nimmt für seine Karriere zehntausende Tote in Kauf.
Wird 2009 ein moralisch zweifelhaftes Werk zelebriert?
Pohl:
Sicherlich: Er ist übergelaufen und hat seine Heeresausbildung dazu genutzt,
die Stämme in den Kampf zu führen. Als Arminius zu mächtig wurde und nach dem
Königsthron strebte, haben seine eigenen Verwandten ihn umgebracht. Caesar
erging es auch so. Es gibt in der ganzen Arminius-Geschichte zahlreiche Facetten
und eine Vielzahl von historischen Parallelen. Alles in allem hat er jedoch ein
Weltreich in die Schranken verwiesen.
?
Welche Bedeutung hat das Jubiläum für Lippe?
Pohl:
Leider gibt es bei uns seit vielen Jahrzehnten keinerlei Werbung hinsichtlich
der Schlacht und Arminius. Hier steht nur das Denkmal. Darauf ruht man sich aus.
Doch zum Hermann kommen immer weniger Besucher und alles verfällt zusehends,
weil nicht ernsthaft investiert wird. Dabei ist die touristische Bedeutung
enorm. Im Osnabrücker Land ist das völlig anders, da steht "Varus"
schon auf Schildern an der Autobahn.
Es
gibt ein großes touristisches Angebot schon jetzt rund um die Varusschlacht.
Und es gingen und gehen Millionen Euro nach Kalkriese. Für Lippe soll 2009 nach
meiner Kenntnis bislang lediglich als Event geplant sein, eine neue Grabung
anzusetzen. Das kann es nicht gewesen sein. Wir sind mit dem Landesmuseum und
der Landesbibliothek bestens für die Forschung gerüstet und wollen mit dem
Verein alle wachrütteln. Wenn wir nichts für 2009 erreichen, ist es mit
Arminius. und Lippe endgültig vorbei...
Lippische Landeszeitung vom 26. Mai 2004