HNA
vom 8.4.2004:
20
000 Legionäre im Lager
Der
sensationelle Römerfund bei Hedemünden / Handel mit den Chatten
Von
Frank Thonicke
HEDEMÜNDEN.
Eigentlich hat sich von den alten Römern bis heute nicht viel verändert. Wo es
strategisch günstig war, sich Verkehrswege kreuzten, da errichtete man Lager.
So die Römer vor Christi Geburt mit ihrem jetzt neu entdeckten Lager bei Hedemünden
(wir berichteten). Und heute hat zu Fuße des alten Römerlagers ein
Handelsriese sein Lager aufgebaut, der auch etwas von Logistik versteht: Aldi.
Der
Archäologe Klaus Grote, der mit der Entdeckung des Römerlagers in Südniedersachsen
für eine wissenschaftliche Sensation sorgte, weiß von noch mehr Verbindungen
zu erzählen, die sich über Jahrtausende hielten: So war ein Weg der Römer von
Süd nach Nord identisch mit der Trasse der heutigen Autobahn A 7. Und da, wo es
eng wurde im Gelände, errichtete man mehr oder weniger befestigte Lager - also
auch in Hedemünden.
Entdeckt
hat Klaus Grote ein Verpflegungslager und vier angeschlossene Marschlager. Das
Hauptlager ist mit 3,2 Hektar Fläche so groß wie drei heutige Fußballfelder
und liegt oberhalb der Werra auf einem Berg westlich von Hedemünden. Zwischen
zwei Dutzend und 100 Römer waren in dem Lager fest stationiert. Sie sorgten für
die durchziehenden Truppen, die dort rasteten. Pferde wurden gewechselt, Vorräte
gebunkert. Alle 20 Kilometer hatten die Römer auf ihren Wegen zu den Schlachten
eine derartige Infrastruktur geschaffen.
Es
gab gewaltige Truppenbewegungen. Im Jahr 9 vor Christus bewältigte der Feldherr
Drusus (ein Stiefsohn von Kaiser Augustus) mit rund 20 000 Mann eine Strecke, an
der heute Mainz, Fritzlar, Kassel und Hedemünden liegen. Es ging weiter durchs
Leinetal bis an die Elbe. Es ging natürlich langsam voran. "Wenn in Kassel
der letzte Soldat aufbrach, waren die ersten längst in Hedemünden
angekommen", sagt Klaus Grote.
Weit
über 20 Kilometer lang war solch ein Römerzug. Sie
zogen über die Höhen, da es besser war, bergan- und bergab zu steigen, als mit
so vielen Menschen in den Tälern durch sumpfiges Gebiet zu marschieren. Und sie
gingen durch besiedeltes Gebiet. In Nordhessen und Südniedersachsen lebten
damals die Chatten, rund um Göttingen und im Leinetal die Cherusker, die ihren
Adligen Hermann zum Anführer für die berühmte Varusschlacht 9 nach Christus wählten.
In der Schlacht im Teutoburger Wald bei Bramsche wurden die Römer vernichtend
geschlagen. Aber: Die Germanen kämpften nicht andauernd mit den Römern - man
trieb auch Handel mit den Besatzern.
Wo
so viele Menschen durch die Wälder zogen, Lager errichtet wurden, da ging natürlich
auch vieles verloren. Darauf sind heute moderne Schatzjäger oder Raubgräber
scharf. Davon gibt es in Deutschland eine regelrechte Szene. Mit Metallsuchern
grasen sie Wall- und Burganlagen ab. Und auch Klaus Grote hatte 1998 gehört,
dass derlei Hobby-Jäger bei Hedemünden fündig geworden waren. Sie hatten Römermünzen
entdeckt. Grote machte sich daran, die Gegend wissenschaftlich zu untersuchen
und entdeckte so die einzige nachgewiesene Militäranlage der Römer in
Niedersachsen.
Schatzsucher
brauchen sich keine Hoffnungen zu machen, bei Hedemünden noch etwas zu finden.
Grote hat mit modernster Technik alles Alte aus dem Waldboden geräumt.
Insgesamt handelt es sich um 250 Funde, von denen 100 definitiv von den Römern
stammen - Äxte, Lanzenspitzen, Katapultbolzen oder Zeltheringe zum Beispiel.
Für
Klaus Grote gibt es auch nach dem Fund noch viel zu tun. Denn jetzt könnten Flächengrabungen
und geomagnetische Untersuchungen beginnen. auch ein Bodenradar könnte zum
Einsatz kommen. Das kostet viel Geld. Aber nach dem sensationellen Römer-Fund
glaubt der Archäologe fest daran, nun auch aktuelle Geldgeber zu finden.
Kaiser Augustus machte Rechnung ohne die
Germanen
In
Rom hatte sich das Kaiser Augustus sicher ganz anders vorgestellt: Im Osten
Germaniens waren die Legionen schon bis zur Elbe vorgerückt, im Westen war bis
Aachen alles fest in römischer Hand. Nun sollte auch der Rest Germaniens
unterworfen werden.
Doch
der Kaiser hatte im Jahre 9 n. Chr. die Rechnung ohne die Germanen gemacht.
Obwohl die Stämme untereinander zumeist bis aufs Blut verfeindet waren, gelang
es Hermann dem Cherusker, vier Stämme zu einem Bündnis zu bewegen. Unter ihnen
Chatten und Marser, die beide auf nordhessischem Gebiet lebten.
Die
Chatten galten als besonders kriegerisches und tapferes Volk. Ihr Siedlungsraum
waren die Flussgebiete um Eder, Fulda, Schwalm und Lahn. Der römische
Historiker Publius Comelius Tacitus (55-115 n. Chr.) beschrieb die Chatten als
"ein Volk von kräftigen Gestalten mit sehnigen Gliedern, durchdringendem
Blick und großer geistiger Regsamkeit". Als für Germanen äußerst selten
beschrieb Tacitus die Eigenschaft der Chatten, mehr auf die Führung als auf das
Heer zu geben.
In
den Krieg gegen die Römer zogen die Chatten mit den Brukterern, den Cheruskern
und den Marsern. Deren Name tragen die Ortschaften Völkmarsen, Marsberg und
Obermarsberg noch heute in ihrem Ortsnamen. Gemeinsam feierte das Bündnis in
der Schlacht am Teutoburger Wald (Varusschlacht) einen vernichtenden Sieg über
die Römer. Damit endete der Versuch Roms, ganz Germanien zu seiner Provinz zu
machen. (OEX)
Weder Untertan noch Bürger
Die Germanen liebten nichts so sehr wie
ihre Freiheit
Von
Frank Thonicke
Eines
gleich vorweg: Dass unsere Vorfahren, die Germanen, auf Bäumen lebten, mit
markerschütterndem Schrei von den Ästen sprangen und schnell mal die Römer
verprügelten, ist nicht richtig. Richtig ist, dass die Germanen ihre Freiheit
liebten, ihren Göttern Opfer anboten und es in ihren Hütten erbärmlich stank.
Um
Christ Geburt bewohnten die Germanen das Gebiet zwischen Rhein, Donau und
Weichsel. Die vielen Stämme hatten eines gemeinsam - die Sprache. Es gab auch
schon ein Alphabet aus 24 Buchstaben. Diese Zeichen werden Runen genannt.
Die
Landschaft war gekennzeichnet durch weite Wälder, Moore, Sümpfe und
Lichtungen. In den waldfreien Gebieten bauten die Germanen ihre Dörfer. Tiere
und Menschen lebten unter einem Dach. Die Kühe standen in der Hütte in Boxen.
Es gab keine Fenster.
Die
Germanen lebten von Ackerbau und Viehzucht. Die Männer trugen eine Hose und
einen Hemdkittel. Strümpfe waren unbekannt. Im Winter zog man Lederschuhe an.
Die Frauen trugen Kleider.
Anders
als die Römer kannten die Germanen keine enge Bindungen an eine
Siedlungsgemeinschaft - es gab keine Unterordnung unter eine Beamtenaristokratie.
Man war weder Untertan noch Bürger. Aber: Es gab in den Stämmen eine
Oberschicht. Die Bindungen an Sippe oder Volk waren eher locker.
Die
Germanen schätzten nichts so hoch wie ihre Freiheit. Die Rechtsordnung war
durch die Sitte geheiligt. Zwischen Sitte und Recht gab es keinen Unterschied.
Friede
war der Rechtszustand. Wer den Frieden brach, hatte Unrecht. Gegen den Einzelnen
wurde nur bei Verrat, Feigheit oder Unzucht vorgegangen.
Als
Strafe wurden Bußen verhängt. Fehden arteten fast nie zu Gewalttätigkeiten
aus.
Im
Krieg war den Germanen eine geschlossene, organisierte Kampfesweise unbekannt.
Die wurde erst bei den Römern abgeguckt. Schließlich konnte man so die römischen
Hilfstruppen schlagen - den ausgebildeten Legionen war man aber unterlegen. Das
wurde dadurch ausgeglichen, dass man dort angriff, wo das Gelände günstig war.
Bei der Varusschlacht sollen die Römer zum Beispiel in einen Trichter zwischen
Moor und Bergland getrieben worden sein.
Krieg
war für die Germanen wie Hunger und Not ein Normalzustand. Kämpfe gab es auch
zwischen Stämmen und Sippen.
Chronik
16 v. Chr.:
Die Römer gründen
Augusta Treverorum, das heutige Trier.
13 v. Chr.: Gründung
eines römischen Zweilegionenlagers (ca. 36 ha) im Gebiet des heutigen Mainzer
Stadtteils Kästrich.
12 v. Chr.: Der
germanische Volksstamm der Bataver wird von den Römern unter Drusus
unterworfen.
10 v. Chr.: Kaiser
Claudius wird geboren; Drusus baut bei Bingen eine hölzerne Rheinbrücke;
Feldzug gegen die Chatten.
9 v. Chr.:
Die Markomannen unter König Marbod werden im Maingebiet von römischen
Truppen unter Drusus besiegt. 3 v. Chr.: Der markomannische König Marbod
schmiedet im Gebiet des heutigen Böhmen einen mächtigen germanischen
Stammesbund, dem unter anderen Hermunduren, Langobarden, Semnonen und Wandalen
angehören.
4 n. Chr.:
Die Cherusker schließen mit Tiberius einen Nichtangriffs- und
Freundschaftsvertrag. Die Söhne des Cheruskerfürsten Segimer, Arminius und
Flavus, gehen als Heerführer germanischer Hilfstruppen in den römischen
Dienst.
5 n. Chr.:
Der spätere Kaiser Tiberius schlägt die Langobarden an der Elbmündung.
7. n. Chr.:
Varus wird Statthalter in Germanien.
9 n. Chr.:
Varusschlacht am Teutoburger Wald. Der römische Feldherr Publius
Quinctilius Varus unterliegt dem cheruskischen Heerführer Arminius, auch
bekannt als Hermann der Cherusker.
10 n. Chr.: Vierter
Zug des Tiberius gegen die Germanen.
13 n. Chr.: Germanicus
übernimmt Oberbefehl am Rhein. 14 n. Chr.: Feldzug des Germanicus gegen die
Germanen.
15 n. Chr.: Germanicus
stößt bis an die Weser vor, wo er bei Idistaviso Arminius' Heer zurückdrängt.
28 n. Chr.: Aufstand
der Friesen gegen die Römer wegen überhöhter Tributforderungen.(OEX)
