Ein Puzzle aus Knochen

Die Göttingerin Birgit Großkopf untersucht menschliche Überreste, die von der Varusschlacht erzählen sollen

Von Philipp Seibt

GÖTTINGEN. In dem Schädel klafft ein faustgroßes Loch. Noch 2000 Jahre nach der Varusschlacht ist zu sehen, mit welcher Wucht der Angreifer zugeschlagen haben muss. Dieser Fund ist einer der Schätze der Göttinger Anthropologin Birgit Großkopf. Doch solche Glücksfälle sind selten.

Der Alltag steht daneben, in Form einer grauen Pappkiste. Darin stapeln sich kleine Plastikboxen, die menschliche Überreste enthalten: Zähne, Knochensplitter und ganze Knochenteile. Die Stücke stammen von den Ausgrabungen in Kalkriese nördlich von Osnabrück. Dort sollen die Germanen vor 2000 Jahren in der legendären Varusschlacht die Römer besiegt haben. Sicher ist das nicht, denn der Ort der Schlacht ist durch keine historische Quelle eindeutig beschrieben. Die menschlichen Knochen sollen helfen, das Rätsel zu lösen.

Auf einem großen Holztisch in Großkopfs Labor liegen kreuz und quer intakte Knochen: Schulterblätter, Oberschenkel, Unterarme, ein komplettes Skelett eben. Die Luft riecht süßlich. Das seien aber nicht die Knochen, sagt die Anthropologin. "Früher waren hier Affen untergebracht. Der Geruch geht einfach nicht wieder raus."

Behutsam nimmt sie das Knochenstück mit der Fund- Nummer 18080-35 aus der Pappkiste. Bei ihrer Analyse geht sie systematisch vor. Zunächst muss sie feststellen, ob es sich überhaupt um einen Menschenknochen handelt. Ab und zu landen nämlich auch die Fragmente eines Pferdeknochens auf ihrem Tisch.

Als Nächstes versucht die Anthropologin herauszufinden, zu welchem Knochen das Fundstück gehört. Im Fall von 18080-35 braucht sie nicht lange zu überlegen. "Das ist der untere Teil eines Oberarmknochens", sagt sie. Manchmal dauere es aber auch länger, ein Knochenstück richtig einzuordnen.

Ihre Arbeit ist ein großes Puzzle. Die Vorlage ist das intakte Skelett auf dem Holztisch. Damit vergleicht sie die Knochenfunde, dreht und wendet die Stücke solange, bis sie aus über 200 menschlichen Knochen den richtigen gefunden hat. Seit acht Jahren bearbeitet Großkopf die Knochen aus Kalkriese, unzählige Funde hat sie seither untersucht.

Ihre Ergebnisse deuten darauf hin, dass Kalkriese tatsächlich der Ort der Varusschlacht ist. Zum einen stamme der Großteil der gefundenen Knochen von Männern, die zwischen 20 und 45 Jahre alt waren. Diese hätten kaum Krankheiten gehabt und seien gut trainiert gewesen. "Eine solche Zusammensetzung ist typisch für eine römische Legion", erklärt Großkopf. "Zum anderen haben die Knochen jahrelang an der Oberfläche gelegen, bevor die Römer sie begraben haben." Auch dies entspreche den historischen Überlieferungen.

Das Ende ihrer Arbeit an der Varusschlacht kann Birgit Großkopf nicht absehen. Immer wieder finden die Archäologen neue Knochen. Ihr Puzzle hat noch viele Teile. (lni)

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