Schlacht um die Schlacht (HANNOVERSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG MITTWOCH,  29. NOVEMBER 2006 · NR. 279)

VON PETER KEHNE

Hat die Varus-Schlacht wirklich in Kalkriese stattgefunden?

Peter Kehne, an der hannoverschen Universität lehrender Althistoriker, ist anderer Meinung. Hier schreibt er, warum.

Jede Rekonstruktion der Varus-Schlacht hat von den literarischen Quellen auszugehen.

Hilfreich für eine annähernde Lokalisierung sind allein zwei antike Berichte: der im ersten und und zweiten Buch von Tacitus’ „Annalen“ etwa von 116 n. Chr. und der im ungefähr 216 geschriebenen 56. Buch von Cassius Dios „Römischer Geschichte“. Beide verarbeiteten hochwertige Vorlagen wie die zwanzig Bücher „Bella Germaniae“ des älteren Plinius. Andere Autoren wie der Zeitzeuge Velleius Paterculus bewahren nur marginale Details. Allein bei Dio erfahren wir Konkretes über Planung und Ablauf des Zuges ins Cheruskerland zur Weser (mit drei Legionen, drei Reiter- und sechs Hilfsverbänden).

Vom dortigen Sommerlager marschierte Varus gegen vermeintliche Aufständische, die ungenannt, aber in süd- oder nordwestlicher Richtung zu suchen sind – keinesfalls östlich der Weser. Denn Varus’ Marsch mit dem gesamten Tross steuerte letztlich die Winterlager am Rhein an. Noch im Cheruskerland, wo Berge und Schluchten zu überwinden waren, wurde Varus von aufständischen Germanen angegriffen, die zuvor bereits abkommandierte römische Truppen vernichtet hatten.

Er ordnete seine Truppen in einem Lager auf einem Pass, erreichte offenes Gelände und wurde dann wieder in dichten Wäldern attackiert. Während sich die Zahl der Angreifer stetig durch solche vermehrte, die anfangs abgewartet hatten, schwächten dauernde Verluste die Kampfkraft des römischen Heeres, bis es zur Katastrophe kam. Unter den genannten Bedingungen mag das Varus-Heer bei dem viertägigen Verlaufsgefecht maximal 65 Kilometer zurückgelegt haben.

Das reicht zwar knapp von Minden bis Kalkriese – nur verläuft diese Route nicht über Berge. Von Hameln sind es bis dort schon 100 Kilometer Luftlinie und vom Endpunkt der Lippe-Weser-Trasse südlich von Höxter weit mehr. Konkretere geographische Hinweise liefert Tacitus. Danach marschierte ein Heereskorps unter Ceacina im Frühjahr 15 entlang der Lippe gegen die Cherusker, ohne das Varus-Schlachtfeld zu passieren.

Im Sommerfeldzug desselben Jahres verwüsteten zwei römische Heeresgruppen mit insgesamt acht Legionen und vielen Hilfstruppen unter Germanicus das gesamte Bruktererland zwischen Lippe und Ems. Aus logistischen Gründen ist eine Stoßrichtung in das Dreieck Wiedenbrück–Lippstadt–Anreppen anzusetzen.

Von dort lag das bis heute nicht identifizierte Schlachtfeld nicht fern. Und das Germanicus-Heer erreichte nach maximal ein bis zwei Tagesmärschen, von Überlebenden der Varus-Katastrophe geführt, deren „Stätten der Trauer“ in deren direkter Abfolge: zuerst das ordentliche Marschlager des Varus, dann eines für die schon dezimierten Reste, schließlich das finale Schlachtfeld mit zerbrochenen Waffen, Knochen oder Pferdegerippen – nahebei die germanischen Altäre, Opfergruben und Marterkreuze.

Die Überreste der Gefallenen wurden zusammengetragen, darüber der typische Grabhügel (tumulus) errichtet. Anschließend machte sich das Germanicus- Heer westlich der Weser in nördlicher Richtung auf die Suche nach dem Feind, kämpfte gegen Arminius’ Aufgebot – Tacitus erwähnt beispielhaft nur ein Gefecht – und trat dann den Rückzug zur Ems an. Caecinas Heeresgruppe war vorher entlassen worden.

Doch für beide Römer- Heere ist ein Marsch über Kalkriese denkbar. Tacitus’ Bericht ist hier kompositionell sprunghaft, er will Spannenderes berichten: Verluste beim Germanicus-Heer und die teilweise Niederlage Caecinas, dessen Heer bei Angriffen durch Arminius fast den gesamten Tross einbüßte.

Tacitus’ Bericht vom Frühjahrsfeldzug 16 n. Chr. rundet unsere geographischen Näherungswerte ab. Nachdem Germanicus einem Lippe-Kastell mit sechs Legionen Entsatz gebracht, das Heer der germanischen Belagerer zersprengt und diese wohl verfolgt hatte, ließ er den zu Ehren seines Vaters Drusus erbauten Altar erneuern, nicht jedoch den im Jahr zuvor errichteten und von Germanen gleichfalls zerstörten Tumulus.

Dass dieses von der Lippe aus ohne großen Aufwand überhaupt möglich gewesen wäre, spricht eindeutig gegen Kalkriese. Wo genau die Varus-Schlacht geschlagen wurde, ist den Schriftquellen nicht zu entnehmen. Aber gemäß Dio und Tacitus lassen sich zumindest drei mutmaßliche Regionen ausschließen:

● die Lippe-Trasse selbst und ihre direkte Verlängerung zur Weser, weil das Germanicus-Heer sonst zuerst auf das finale Schlachtfeld gestoßen wäre; 

● die Region Bramsche–Kalkriese ausden bereits dargelegten Gründen und unter anderem, weil sie vom Oberlauf von Ems und Lippe viel zu weit entfernt liegt;

● alles südlich von Lippe und Nethe, weil ein Auf- und Abmarsch des Germanicus-Heeres über Nordsee und Ems zum Erreichen dieser Zielregion strategisch keinen Sinn ergibt.

Für die aktuelle Diskussion ergibt die Analyse der literarischen Zeugnisse somit, dass aus strategischen, geo- und topographischen Gründen eine Lokalisierung der Varus-Schlacht bei Kalkriese definitiv auszuschließen ist. Weitere Indizien stützten dieses Ergebnis: Der Fundplatz Kalkriese wurde durch wissenschaftlich unzureichende Auswertung der Münzfunde durch Frank Berger, damals Numismatiker am Kestner-Museum Hannover, falsch datiert.

Fest steht, dass der „jüngste“ Münztyp 2/1 v. Chr. geprägt wurde, während bereits eine etwa 5 n. Chr. Geprägte Variante dieses Gaius/ Lucius-Denars ebenso im dortigen Münzspektrum fehlt wie die erst wieder ab 13 n. Chr. geprägten Typen. Dieses Defizit gilt aber für den gesamten Niederschlag römischer Fundmünzen im rechtsrheinischen Germanien, also auch für den Krieg von 10 bis 12 und die verlustreichen Germanicus-Feldzüge von 13 bis 16.

Bei Kalkriese gefundene Münzen und sekundäre Datierungshinweise, vor allem die auf vielen Münzen angebrachten Gegenstempel, schieben den Zeitpunkt nicht nur bis 9 n. Chr. vor, sondern nach der jetzt von dem auf diesem Gebiet führenden Numismatiker Reinhard Wolters präsentierten Feindatierung der in Kalkriese gefundenen Kontermarken sehr wahrscheinlich über das Jahr 10 hinaus.

Auch damit wäre die Hypothese von Kalkriese als Ort der Varus-Schlacht widerlegt. Eine Ritzinschrift deutet auf die Anwesenheit der unter Germanicus dienenden 1. Legion in Kalkriese hin. Die unlängst am sogenannten Wall entdeckten Spitzgräben haben in Verbindung mit römischer Militärpräsenz als römische Anlagen zu gelten, was auch die These eines durch Befestigungen vorbereiteten germanischen Hinterhalts widerlegt.

Laut Publikation der archäologischen Sondierungen in der Kalkrieser Senke ist das dortige Schlachtfeld ohnehin viel kleinräumiger als angenommen: „Die Befunde außerhalb des ‚Oberesch‘ stehen nicht im unmittelbaren Zusammenhang mit Kampfhandlungen.“ Weitere Relativierungen sind zu erwarten, würden die Ergebnisse der übrigen seit 1989 laufenden Grabungen durch die Archäologen in Kalkriese nicht nur einseitig interpretiert, sondern endlich publiziert. Folgt man der These, die Wolters in gebotener methodischer Vorsicht als Erster aufstellte, könnten die Befunde in Kalkriese ein Kampfgeschehen des Jahres 15 zwischen Arminius und Caecina reflektieren, womit Tacitus’ Bericht sogar topographisch gut harmoniert. 


Kommentar: Für und Wieder Kalkriese

Fest steht nur eins: Im Jahre 9 n. Chr. vernichtete in Nordwestdeutschland ein germanisches Heer unter Führung des Cheruskers Arminius drei römische Legionen fast völlig. Der Statthalter Publius Quinctilius Varus, der die Legionen befehligt hatte, beging danach Selbstmord. Zwar führten die Römer in den folgenden Jahren noch einige Rachefeldzüge, gaben aber ihren Plan auf, Niedergermanien zur Provinz zu machen.

Nach römischen Quellen fand die Schlacht im Teutoburger Wald statt, doch heißt dieses Waldgebirge, das früher Osning genannt wurde, erst seit dem 17./18. Jahrhundert so – ein Versuch, durch nachträgliche Namensgebung das Schlachtfeld für diese Gegend zu reklamieren. Es hat an die 500 Vorschläge zum Ort der Varus-Schlacht gegeben. Seit 1987 werden nun in der Kalkrieser Senke bei Osnabrück römische Münzen, Waffen, medizinische Instrumente, Pferdegeschirre und Alltagsgeräte ausgegraben, die auf eine Schlacht kurz nach Christi Geburt hindeuten.

Ein Wall wird als germanischer Hinterhalt für das vorbeiziehende römische Heer interpretiert. Schon der Althistoriker Theodor Mommsen hatte Ende des 19. Jahrhunderts Kalkriese als Schauplatz der Varus- Schlacht bezeichnet, und diese Ansicht hat sich immer stärker durchgesetzt. Bei einer Fachkonferenz, die jüngst in Detmold stattgefunden hat, haben sich jetzt kritische Stimmen gegen diese These erhoben. Es fehlten Beweise, und Kalkriese stimme nicht mit der Beschreibung des Schlachtfeldes überein.

Die vor Ort tätigen Archäologen, die gerade eine neue Grabungskampagne abgeschlossen haben, bleiben jedoch bei ihrer Meinung, den Platz der Varus- Schlacht gefunden zu haben. Echte Beweise dafür habe man in der Tat zwar nicht, räumt die Grabungsleiterin Susanne Wilbers-Rost ein, doch gebe es auch keine Gegenbeweise.

Eine für 2009 geplante große Ausstellung in Kalkriese, Haltern und Detmold zur Varus-Schlacht ist nach den Worten von Joseph Rottmann, Geschäftsführer der Varusschlacht GmbH, die das Museum in Kalkriese betreibt, durch die neuerliche Kontroverse nicht in Gefahr. (ebd)