Kalkriese Umstritten, aber sehr wahrscheinlich, dass hier die Varusschlacht stattfand

Wo die Germanen die Römer schlugen

Jetzt haben sich drei Orte zusammengeschlossen, um 2009 gemeinsam den 2000. Jahrestag zu begehen.

Von Daniel Kreuz

Friedlich liegt es da, das große grasbewachsene Feld, umrahmt von dichten Wäldern. Angesichts dieser Ruhe ist es schwer vorstellbar, was sich vor knapp 2000 Jahren an gleicher Stelle zwischen dem Kalkrieser Berg und dem Moorgebiet zugetragen haben soll. Drei Tage lang herrschten Kampfgebrüll, Waffengeklirr, Chaos, Blut und Schreie. Mehr als 10 000 Römer wurden im Herbst des Jahres 9 nach Christus von einer unbekannten Zahl Germanen in einem Hinterhalt niedergemetzelt. Die heftigen Kämpfe gingen als "Varusschlacht" oder "Schlacht im Teutoburger Wald" in die Geschichte ein.

Hört man hier heute Lärm und Geschrei, kommt er höchstwahrscheinlich von Schulklassen, die das einstige Schlachtgelände wie einen großen Abenteuerspielplatz erkunden. Denn, wo vermutlich einst Cheruskerfürst Arminius die Germanen zum Sieg gegen die Legionen des Varus führte, befindet sich seit 2000 ein Museum samt Landschaftspark.

1987 wurden in Kalkriese erste Hinweise auf Kämpfe zwischen Römern und Germanen gefunden. Spätere Ausgrabungen förderten Waffen, Münzen, Rüstungsteile und Tier- und Menschenknochen zutage. Außerdem wurden Reste einer Wallanlage entdeckt, die den Germanen Tarnung und Schutz bot. Jährlich kommen 100 000 Besucher, um auf den Pfaden der Römer und Germanen zu wandeln. "Das Arminius-Fieber steigt", freut sich der Geschäftsführer des Parks, Joseph Rottmann.

Das Arminius-Fieber hat aber nicht nur die Besucher ergriffen. Besonders unter Wissenschaftlern erhitzen sich seit Langem die Gemüter. Denn dass in Kalkriese wirklich die Varusschlacht stattgefunden hat, ist nicht unumstritten. Über 700 Orte von der Nordsee bis nach Augsburg erhoben über die Jahrhunderte hinweg den Anspruch, der Schauplatz der Kämpfe zu sein.

Für Rottmann besteht aber kein Zweifel daran, dass Varus' Legionen in Kalkriese den Tod fanden. Das würden auch 90 bis 95 Prozent der Historiker und Archäologen so sehen: "Über 6000 Fundstücke wurden hier gefunden, so viel wie an keinem anderen Ort."

Als "absurd" bezeichnet der Hamburger Professor für Wirtschaftsgeschichte, Siegfried Schoppe den "Alleinstellungsanspruch Kalkrieses". Seiner Meinung nach fand die Varusschlacht 90 Kilometer entfernt statt zwischen Lage und Bad Salzuflen. Für diese These verglich er sämtliche überlieferten Quellen mit den damaligen Römerwegen und Wasserstraßen. Er sagt: "In der Archäologie geht es auch um Logik und Logistik, und nicht nur allein ums Graben und Buddeln."

Ungeachtet aller Querelen haben sich für 2009 die Orte Haltern am See (Römerlager), Kalkriese (Schlacht) und Detmold (Hermann-Denkmal) zusammengeschlossen, um mit dem Ausstellungsprojekt "Imperium-Konflikt-Mythos" gemeinsam den 2000. Jahrestag der Schlacht zu begehen. Die Schirmherrschaft übernimmt Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Einen Vorgeschmack auf die Veranstaltungen geben Pfingsten die traditionellen Römer- und Germanentage in Kalkriese, wo mehrere Hundert Darsteller am rekonstruierten Germanenwall Szenen der Varusschlacht nachstellen werden. Historische Genauigkeit wird dabei großgeschrieben.

Vor zwei Jahren schien jedoch einige Darsteller der Ehrgeiz gepackt zu haben: Die Römer wollten damals einfach nicht verlieren.

erschienen am 23. Mai 2007

http://www.abendblatt.de/daten/2007/05/23/744518.html