Der Kreis schließt sich!

 Die These: „Kalkriese ist Ort der Varusschlacht“ wird immer unwahrscheinlicher. In einer vierteiligen Artikelserie hatte der Verfasser auf der Homepage des  Vereins „Arminiusforschung e. V.“ im März/April 2006 die verschiedenen Schlacht- und Überfalltheorien zu Kalkriese in der Niewedder Senke vorgestellt.

Bereits im Mai 2005 hatten sich der Vorsitzende des Vereins, Herr Hans Pohl und sein Stellvertreter, Herr Wigbert Gruß schriftlich an den Numismatiker Prof. Dr. Reinhard Wolters und an den Althistoriker Dr. Peter Kehne mit der Bitte gewandt, in einem Abendvortrag über Kalkriese zu berichten. Die geplante Vortragsreihe unter Federführung des Vereins „Arminiusforschung e. V. kam – vermutlich nach Intervention des Lippischen Landesmuseums – nicht zustande. Vielmehr übernahm das Museum die Federführung.

Am Mittwoch, den 15.11.06, fand endlich die erste Sonderveranstaltung unter dem Thema  „Kalkriese: Schauplatz der Schlacht im Teutoburger Wald ?“  im großen Saal des Landesmuseums in Detmold statt.

Wegen Überfüllung des Saales mussten nach Angaben der Museumsleitung ca. 180 Personen wieder nach Hause geschickt werden. Sie sollen zu einer zweiten Veranstaltung mit gleicher Besetzung und gleichem Thema schriftlich eingeladen werden, soweit sie ihre Adressen hinterlassen haben. Auch der Eintritt soll als Entschädigung für diese Personen frei sein, versprach Frau Dr. Treude, Leiterin des Museums.

Der Forschungsprojektleiter Kalkriese an der Universität Osnabrück, Dr. Günther Moosbauer, aber auch die Grabungsleiterin, Frau Dr. Wilbers-Rost, sowie ihr Ehemann, Dr. Achim Rost, brachten keine neuen Hinweise auf eine Varusschlacht in Niedersachsen. Plausibler klangen die Gegenargumente von Dr. Kehne und Professor Dr. Wolters.

Dr. Moosbauer sieht in Kalkriese „einen besonders gut erhaltenen Schauplatz im Kontext der Varusschlacht.“  In der Niewedder Senke habe auf einem ca. 30 km2 großen Areal ein langgezogenes Defileegefecht stattgefunden. Auf dem Oberesch, dem Übergang zwischen Senke und Kalkrieser Berg, seien entlang eines rund 400 m langen Walles klare Kampfhandlungen an Hand der gefundenen Militaria nachzuweisen. Für die Wissenschaft sei nicht die Frage Varusschlacht ja oder nein ausschlaggebend, sondern die Chance, erstmals ein römisches Schlachtfeld ausgraben zu können.

Frau Dr. Wilbers-Rost ging insbesondere in Ihrem Vortrag auf die in acht Gruben gefundenen Knochenreste ein. Diese seien erst bestattet worden, nachdem sie nachweislich zwei bis zehn Jahre auf der Erdoberfläche gelegen hätten. Einen geschwungenen Wall, begrenzt durch zwei Bachtäler (Einzelheiten waren auf der gezeigten Karte leider von den hinteren Platzreihen nicht erkennbar), ordnete sie den Germanen zu. Auch die Spitzgräben an seinen Enden seien von Germanen angelegt worden. Darüber hinaus habe es Spitzgräben, z. B. als Landwehr, auch im Mittelalter gegeben.

Ihr Ehemann Dr. Rost der sich einem neuen Forschungszweig, der „Schlachtfeld – Archäologie“, zugewandt hat, sprach vom Aufräumen des Schlachtfeldes und von Leichenfledderei. Dieses habe zu einem ganz besonderen Fundbild – viele kleine zerstörte Metallteile, von Kleidung, Rüstung, Tiergeschirr, Wagenbeschlag, Gerät und Waffen - geführt. Die Germanen hätten ihre Toten entsprechend den Stammessitten in aller Förmlichkeit beerdigt; deswegen seien auch keine metallischen Funde zu erwarten, ganz abgesehen von der Tatsache, dass die Germanen kaum metallische Ausrüstungsgegenstände hatten.

Der Althistoriker Dr. Kehne wäre gerne auf einzelne Thesen und Vermutungen seiner Vorredner eingegangen. Aber Gründe der Fairneß und die getroffenen Absprachen hinderten ihn daran. Er stellte kurz die literarischen Überlieferungen (Tacitus, Dio, Paterculus, Florus) dar und äußerte sich zu deren Zuverlässigkeitsgehalt. Für ihn liefere Tacitus zahlreiche Einzelheiten zur Örtlichkeit und Umgebung des Schlachtfeldes. Aber ohne die Angaben von Cassius Dio zum Verlauf der Kämpfe sei eine Rekonstruktion des Schlachtgeschehens nicht möglich. Nach der literarischen Überlieferung haben die Kämpfe zwischen Varus und Arminius im Oberlauf zwischen Lippe und Ems im Dreieck zwischen Wiedenbrück, Lippstadt und Anreppen stattgefunden. Das sei Meilenweit von Kalkriese entfernt, stellte er fest. Deswegen könne Kalkriese auch nicht der Ort der Varusschlacht sein und das gelte bis zum „Jüngsten Gericht“.

Zweifel hat der Numismatiker Prof. Dr. Wolters. Mit den bisherigen Fundmünzen sei eine Punktlandung 9. n. Chr. nicht möglich. Er stellte vor, welche römischen Münzen wann und wo in welcher Menge geprägt worden sind. Danach habe es um die Zeitenwende kaum Neuprägungen gegeben und wenn, nur in relativ geringer Anzahl. Auch sei nicht sicher, welche Münzen zu welchem Zeitpunkt in den Boden gelangt seien. Solche Münzfunde seien immer mehrdeutig. Auch die aufgebrachten Gegenstempel VAR, IMP und AVC ließen nur eine Grobdatierung von sieben bis neun, plus x Jahre zu. Eins könne man mit den Münzfunden aber sicher belegen, nämlich dass die Plätze Haltern und Kalkriese zu den „späten Plätzen„ im freien Germanien gehören.

Die von Frau  Dr. Jutta Prieur - Pohl sicher moderierte sich anschließende Diskussion brachte keine weiteren geschweige denn neue Erkenntnisse. Das lag zum Teil an den schlecht vorgetragenen Fragen, aber auch daran, dass sich die Wissenschaftler nicht aus der Reserve locken ließen. Das Schlusswort nahm ihr ein Fragesteller aus dem Publikum vorweg. Es war gefragt worden, wo die Moore in Lippe seien.  (Antwort aus dem Publikum: Braunen Bruch in Heidenoldendorf,  Moorlage in Horn. Hidesser Bent in Hidessen).

Seine Gegenfrage lautete: „ Wo sind in Kalkriese die Berge und Schluchten?“  Damit stand fest, die Kalkriese - Diskussion ist noch lange nicht abgeschlossen. Die Zuhörer nahmen die Erkenntnis mit, alle Redner sind sich einig: Man weiß, dass man noch viel zu wenig weiß.

Zu berichten ist noch, dass die Presse zahlreich, der Rundfunk und das Fernsehen anwesend waren. Den Kurzbericht des NDR 3 habe ich am Montag, den 20. 11.06 gegen 2230 Uhr, gesehen. Das Resümee der Fernsehleute: Kalkriese ist nicht Ort der Varusschlacht, weil die Fundmünzen nicht zum Zeithorizont 9 n. Chr. passen.

Der Verein „Arminiusforschung e. V.“ wurde ins Leben gerufen, um zu beweisen , dass Kalkriese nicht Ort der Varusschlacht ist. Der Vereinsvorstand ist sich einig, dass die Vereinsgründung notwendig, richtig und erfolgreich war. Erste positive Ergebnisse sind nicht mehr weg zu diskutieren (siehe Überschrift).

Lemgo, den 21. November 2006                                                                                                      Gerhard Kroos