Es
ist die stärkste Streitmacht des Imperiums, konzentriert im wichtigsten Außenposten
weit vor den Grenzen Roms. Dort bricht im Jahre 9 n. Chr. Publius Quinctilius
Varus auf, um Germanien das Fürchten zu lehren, und findet mit seinen vier
Legionen den Tod - in jener Schlacht im Teutoburger Wald, die durch zwei
Jahrtausende in Liedern, Legenden und Mythen den Freiheitsstolz und das
Selbstbewusstsein der Deutschen nährt.
Jetzt
scheint die Stätte des Aufbruchs in die größte militärische Katastrophe der
Antike identifiziert: In Porta Westfalica bei Minden glauben Archäologen, das
Lager gefunden zu haben, in dem begann, was bis in unsere Tage dem einen
Triumph, dem anderen Tragödie blieb.
Über
den Ort der Schlacht streiten Gelehrte bis heute, die meisten tippen inzwischen
auf Kalkriese bei Osnabrück. "Doch die Struktur vor dem Kollaps ist viel
interessanter", sagt Daniel Bérenger, Vize-Chefarchäologe im
Landschaftsverband Westfalen-Lippe, über den neuen Fundort. Dieser lasse
"in Qualität und Dichte einiges erwarten": Münzen, Gewandspange,
Sandalennägel, Bleilote, ein Bleigewicht, ein römischer Mühlstein und ein
stilisiertes Gesicht offenbar vom Henkel einer Bronzekanne führen direkt in die
Zeit, in der Varus auf dem Boden des heutigen Stadtteils Barkhausen seinen
Untergang heraufbeschwor.(...)
Varus
kommt nicht etwa als kriegslüsterner Feldherr, sondern als altgedienter
Verwaltungsbeamter, ein Mann des Amtssiegels, nicht des Schwertes, allerdings
kompromisslos in der Durchsetzung der römischen Staatsinteressen vor allem im
Straf- und Steuerrecht. (...)
Im
Jahr 13 wird er gemeinsam mit dem späteren Kaiser Tiberius Konsul und damit höchster
Verwaltungsbeamter des Reichs. Zweimal heiratet er Großnichten seines Kaisers.
Er dient Augustus als Prokonsul in Afrika und schlägt als Legat in Syrien mit
drei Legionen nach dem Tod Herodes des Großen, des Kindermörders von
Bethlehem, gefährliche Revolten nieder. Der jüdische Geschichtsschreiber
Flavius Josephus schildert ihn als "Mann von mildem Wesen, ruhigem
Betragen, an Körper und Geist wenig regsam, mehr an die Muße des Lagers als an
rechten Kriegsdienst gewöhnt". (....)
Das
jetzt entdeckte 16 Hektar große Lager in Barkhausen ist der geeignete Ort. Nahe
der Weser, liegt es im Herzen des freien Germaniens und doch nur wenige Tagesmärsche
vom stark befestigten Winterlager Anreppen bei Paderborn entfernt. Die 36 000
Legionäre hausen in Zelten hinter Erdwall und Palisade, die Reiterei lagert
davor. Varus residiert in einem behelfsmäßig errichteten festen Gebäude, dem
Prätorium. Jeden Morgen zeigen die Liktoren, die römischen Amtsdiener, ihre
Beile und Rutenbündel. Nach ihnen nimmt der Herold seinen Platz ein. Als
Letzter erscheint der etwa 50 Jahre alte Varus, dessen Name "der
Krummbeinige" bedeutet, mit seinen Offizieren. Kläger und Beklagte treten
vor das Tribunal, und römische Advokaten halten ihre Plädoyers wie auf einem
Forum. Später verhandelt der Feldherr mit einheimischen Fürsten, wie viel Korn
abzuliefern und wie viele junge Männer für den Kriegsdienst abzustellen seien.
Die
Rechtshändel laufen nicht friedlich ab: Die Vertragsbedingungen sind hart, die
Strafen grausam. Männer, die für geringe Verfehlungen ausgepeitscht werden,
schwören Rache. Aufrührer werden gekreuzigt. Friedlich gestimmte Häuptlinge,
die ihren Untertanen immer drückendere Lasten auferlegen sollen, verlieren bald
immer mehr an Rückhalt. Um sie bei der Stange zu halten, beschenkt und bewirtet
Varus sie. Unter den Ehrengästen sitzt auch ein junger Cheruskerhäuptling, den
die Nachwelt als Arminius oder Hermann kennt. Ein paar Tage später wird er die
Legionen in einen Hinterhalt locken und vernichten.
Die
Wissenschaft sucht das Weserlager des Varus seit Jahrzehnten. Minden und Hameln
gelten als mögliche Orte, und in Barkhausen taucht schon 1950 eine Goldmünze
auf. Heute sind auf der Stätte nur noch vier Hektar unbebaut. Im Aushub für
ein Projekt generationsübergreifenden Wohnens fand der Bankangestellte und
ehrenamtliche Grabungshelfer Vassilios Efstratiadis mit einer Metallsonde zwei
Bronzemünzen und zwei vermutlich keltische Münzen sowie die Gewandfibel. Jetzt
will Vize-Chefarchäologe Bérenger mit 20 Ausgräbern 2000 Quadratmeter
untersuchen - mit Rücksicht auf den Investor, die Sparkasse Minden-Lübbeke,
deutlich schneller als üblich.
Bettina
Tremmel, Expertin für römische Archäologie im Landschaftsverband
Westfalen-Lippe, sagt: "Es wäre das am weitesten vom Rhein entfernte Römerlager
in Nordrhein-Westfalen." Und womöglich sogar noch etwas mehr: Nach einer
These Heinz Ritter-Schaumburgs (1902-1994) war die Schlacht im Teutoburger Wald
in Wirklichkeit kein Überfall auf einen Heerzug, sondern auf ein nur
leichtsinnig bewachtes Römerlager: "Die Cherusker nahmen Aufstellung auf
dem großen Platz, als freie Bundesgenossen bewaffnet mit dem Schwert",
schildert der renommierte Privatgelehrte schon vor zwanzig Jahren in seinem
Standardwerk "Der Cherusker" die Szene. Als Varus den Bündnisvertrag
für aufgelöst erklärt, "wird nun Hermann das Schwert herausgerissen und
das Zeichen gegeben haben. Ein tausendstimmiger Schrei, die Hörner heulten,
eine Einsatztruppe stürmte von draußen das Lagertor - und alsbald flammt das
Feuer auf den Felsen auf, antworten rings auf den Bergen nacheinander die
Feuerzeichen und verkünden den Aufstand durch das ganze nördliche
Germanien."
Die
Cherusker bemächtigen sich sogleich der Nervenzentren des Lagers, der
Standarten und Offiziere, um die sich die Legionäre sonst scharen. "Das
Lager wurde gerissen, drei Legionen erdrückt", überliefert
Ritter-Schaumburgs wichtigster Gewährsmann, der römische Geschichtsschreiber
Florus. Die Reiterei und kleine Abteilungen flüchtender Soldaten werden
tagelang durch die Wälder gejagt. Tacitus, der berühmteste aller römischen
Historiker, scheint den Bericht zu bestätigen, als er schreibt, Arminius habe
"drei dienstfreie Legionen" angegriffen. Doch die peinliche
Information, dass sich die militärisch so hoch überlegenen Römer derart plump
überrumpeln ließen, habe schlecht zur Staatsräson gepasst, deshalb hätten
Abschreiber später aus dem Wort "vacuas" für "dienstfrei"
ein "vagas" für "schweifend" gemacht. Die Ausgrabungen in
Barkhausen könnten vielleicht auch diese These erhärten - oder beerdigen.
http://www.abendblatt.de/daten/2008/08/13/920847.html